Pro und Contra Promotion. Eine aktuelle Abwägung


von Julia Koop, Bochum/Paris

Am Ende des Masterstudiums fragt sich jede*r Absolvent*in, wie es nach dem Abschluss weitergeht. Welcher Weg ist für mich der richtige? Was ist sinnvoll und nachhaltig? Während meiner Recherche für diesen Artikel ist mir aufgefallen, dass nur wenige Texte sich mit dieser Frage für die Kultur- und Geisteswissenschaften auseinandersetzen. Gerade in diesen Fächern jedoch ist die Möglichkeit zur Promotion eine der zentralen Fragen während der letzten Monate des Masterstudiums. Dieser Text stammt aus meinem individuellen Entscheidungsprozess, angereichert mit Erfahrungen von Kommiliton*innen und Freund*innen, die sich bereits für eine Promotion entschieden haben.

Persönliche Eignung

Mir ist klar, dass eine Promotion in den Geistes- oder Kulturwissenschaften im Durchschnitt vier bis fünf Jahre dauert, also etwas länger als in anderen Fachgruppen. Ich frage mich, ob ich die Ausdauer habe, über diesen Zeitraum hinweg zu arbeiten und zu forschen. Ich forsche gern und arbeite mit Freude wissenschaftlich – insofern bringe ich eine hohe Motivation mit; doch ich kann schwer einschätzen, ob diese Motivation mich durch diese lange Zeit tragen kann. Nicht für jede Person ist dies eine gute Perspektive; wer schon bei Hausarbeiten oder der Abschlussarbeit Probleme und Schwierigkeiten beim Durchhalten hatte, sollte hinterfragen, ob eine Promotion ein guter Anschluss ist.

Die Zeit während der Promotion kann sehr anstrengend werden. Denn neben einer möglichen Lehrtätigkeit oder eines Nebenjobs zum Überleben kommen zusätzliche Stressfaktoren wie Finanzierung, unpassendes Team, Dauer des Abschlusses, Zeit für die Anfertigung der eigenen Dissertation, Probleme während der Bearbeitung oder sonstige berufliche und/oder private Probleme hinzu. Um dem besser entgegen zu gehen, wäre es gut, Workshops zum Thema Zeitmanagement, Konfliktbewältigung, Stressmanagement und Resilienz wahrnehmen zu können und diese in ein Promotionsprogramm zu integrieren. Leider hat kaum ein Promovend dafür die Zeit, da eine Doppelbelastung dies nicht zulässt.

Was spricht für eine Promotion in den Geistes- und Kulturwissenschaften?

Ob und inwiefern eine Promotion sinnvoll – oder vielleicht sogar ein Hindernis – ist, hängt wie in jedem Studienbereich von der Fachrichtung, dem beruflichen Ziel und den jeweiligen Anforderungen bzw. Konventionen von Branche und Beruf ab. Um das Hörensagen von „Ohne Promotion geht im Kulturbereich gar nichts“ zu überprüfen, habe ich zunächst aktuelle Stellenausschreibungen ausgewertet.

Welche Stellen erfordern eine Promotion in der Geistes- und Kulturwissenschaft?

Die wissenschaftliche Laufbahn

Unabhängig vom Fach ist die Promotion Voraussetzung für eine wissenschaftliche Laufbahn. In unseren Fächern weisen wir mit der Promotion neben der thematischen Tiefe auch korrektes eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten nach; dies muss mindestens mit dem Masterabschluss beherrscht werden. Allerdings spielen hierbei auch andere Faktoren eine Rolle. Ist die Person z.B. bereits eine wissenschaftliche Hilfskraft mit Bachelor am Institut oder ist sie anderweitig positiv aufgefallen? Weil Professor*innen in unseren Arbeiten erkennen, ob wir dazu in der Lage sind, erfolgt die Rekrutierung von Doktoranden häufig im persönlichen Gespräch. Daher spielt der persönliche Bezug zum Professor/ zur Professorin sicherlich eine gewisse Rolle, inwiefern eine Promotionsstelle an der Universität und dem entsprechenden Lehrstuhl geschaffen wird oder nicht. Nichts desto trotz werden zudem Stellen ausgeschrieben, auf die sich jede*r bewerben kann. Auch damit kann man Glück haben.

Hat man die Promotion geschafft, ist es nach wie vor schwer eine Professorenstelle zu erhalten und sich gegenüber anderen Promovierten durchzusetzen. Eine Arbeitslosigkeit kann ebenfalls eintreten, die ggf. eingeplant und gut überbrückt bzw. überstanden werden sollte. Es bleibt also auch danach spannend, was einem für diesen Weg bewusst sein sollte.

Im Museumsbereich

Ich persönlich sehe meinen Traumjob im musealen, kulturwissenschaftlichen Bereich, weshalb ich hier tiefgreifender nachgeschaut habe. Gewisse museale Stellen, wie z.B. die Position des Kurators setzen eine Promotion aufgrund der hohen Bewerberzahlen als Auswahlkriterium voraus. Um in der Museumsbranche Fuß zu fassen, kann für wissenschaftliche Stellen und Leitungspositionen eine Promotion sinnvoll sein und wird in Ausschreibungen auch häufig gewünscht. Doch nach Gesprächen mit Museumsmitarbeiter*innen (Marta Herford, Freilichtmuseum Detmold, Situation Kunst in Bochum, Folkwang Museum Essen, Museumsdienst Köln, Museum der Angewandten Kunst Köln und Römisch Germanisches Museum Köln) würde ich sagen, dass die Wichtigkeit der Promotion eher ab- als zunimmt. Aufgewertet werden hingegen praktische Erfahrungen und Netzwerkarbeit. Eine Promotion hilft jedoch durchaus auch weiterhin, eine Position auf Augenhöhe unter Kolleg*innen zu verschaffen oder mehr Ansehen im Fachpublikum zu bekommen. Wenn einem dies wichtig sein sollte, ist man ebenfalls eingeladen, eine Promotion zu absolvieren. Insbesondere Museen mit kleinem Stab besetzen Stellen lieber mit Personen, die sie vorab kennen und schätzen. Man kann durchaus auch als externe Person einmal Glück haben, das möchte ich nicht abstreiten. Nach Erfahrungen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis wurde bislang jedoch jede Stelle, deren Besetzung sie verfolgt haben, an eine Person vergeben, die bereits im erweiterten Sichtkreis des Kollegiums war.

Und nein, Netzwerken heißt hier nicht „Seilschaften nutzen“. Dieses Netzwerken bedeutet, bereits während der Studien- und Promotionszeit den Arbeitsmarkt z.B. der thematisch in Frage kommenden Museen im Blick zu behalten, kollegialen Austausch zu pflegen, Veranstaltungen zu besuchen. Bei dieser Teilnahme am Diskurs fließen auch Informationen leichter: Wann werden welche Stellen frei, werden sie neu besetzt, erhalten sie ein neues Profil, was ist gewünscht? Im Netzwerken schärfe ich auch meine Wahrnehmung, ob ich selbst ins Team passe oder mit diesem Team zusammenarbeiten möchte. Für den kollegialen Austausch und bei Bewerbungen auf bestimmte Stellen wiederum ist die eigene Themenausrichtung innerhalb der Promotion als auch bereits im Studium von zentraler Bedeutung; sie sollte daher gut bedacht werden.

Im Kulturamt, Stiftungen oder Kulturrechtswesen (Provenienzforschung)

Bei Kulturämtern, Stiftungen und auch im Kulturrechtsbereich kann eine Promotion die eigene Präsenz und das eigene Mitspracherecht in dem Bereich stärken und daher sehr sinnvoll sein. Ebenfalls sendet sie das Signal, Expertise zu haben und Verantwortung zu übernehmen, d.h. Leitungspositionen anzustreben. Mit der Promotion verbunden sein kann auch die Frage der Einstufung in die Entgeltgruppen des öffentlichen Dienstes.

In der Buchbranche

Im Verlagswesen, Buchhandel und als Autor*in sind Promotionen insbesondere für Einstiegsstellen meist nicht erforderlich. Aber auch hier kann es je nach beruflichem Ziel sinnvoll sein, als Fachwissenschaftler*in aufzutreten. Dies gilt z.B. für Stellen im wissenschaftlichen Lektorat oder in der Programmverantwortung von Wissenschaftsverlagen. Auch Autor*innen, die überwiegend Fachbücher oder Lehrmittel verfassen, können die Promotion als Nachweis ihrer Expertise einsetzen. Mir sind zudem Verlagsgründer*innen bekannt, die einen Doktortitel haben oder an ihrer Promotion arbeiten. Dies ist natürlich keine Voraussetzung, aber hat eine gewisse lebenspraktische Konvergenz.

Im (Musik-)Theater

Liegt das Ziel darin, im Theater oder im Opernbereich unterzukommen, so ist eine Promotion, aus dem, was ich im Bekanntenkreis mitbekommen habe, nicht notwendig. Höchstens in der Leitungsebene, Kulturmanagement- oder im Dramaturgiebereich könnte sie von Vorteil sein, um sich gegenüber anderen Bewerbern behaupten und abheben zu können.

Die Sache mit dem „Überqualifiziert“

Eine Promotion kann mir auch Hindernisse während der Bewerbungsphase verschaffen, wenn ich nicht auf eine Stelle passe oder ich so für gewisse Stellen oder Nebenjobs überqualifiziert bin. Gerade, wenn man arbeitssuchend ist, ist das eine Tücke. Da heißt es dann, die arbeitsfreie Zeit gut zu nutzen und z.B. Weiterbildungen oder Workshops zu besuchen (https://www.kulturmanagement.net/Themen/Arbeitslosigkeit-im-Kulturbereich-Von-Sorgen-und-neuen-Perspektiven,3997 ). Es heißt aber auch, genau hinzusehen, warum ich Stellen im Blick habe, für die ich „überqualifiziert“ oder „nicht passend“ bin. Vielleicht sollte ich meinen Fokus anders ausrichten und meine Strategie überdenken.

Fazit

In allen fachaffinen Berufszweigen kann eine Promotion das professionelle Ansehen heben und die fachliche Expertise belegen. Allerdings haben sich zum einen die klassischen Berufsfelder bzw. Arbeitgeber verändert und zum anderen sind neue Tätigkeitsbereiche entstanden, für die der Zugangscode nicht mehr „Dr. phil.“ lautet, sondern Erfahrung, Vernetzung, Teamfähigkeit. Die Veränderung der klassischen Berufsfelder hat zur Folge, dass z.B. im Museumswesen, aber auch auf dem akademischen Arbeitsmarkt neue Tätigkeiten mit weniger fachlichen Schwerpunkten entstanden sind. Stattdessen werden Management- und Kommunikationsaufgaben vergeben, für die zwar fachliche Nähe erforderlich ist, aber pragmatische, prozessorientierte und vernetzte Denk- und Handlungsweisen dem theoretischen, ergebnisorientierten und tendenziell linear-hierarchischen wissenschaftlichen Arbeiten mindestens gleichgestellt werden.

Zusätzliche gute Artikel über dieses Thema und zudem eine Orientierung und Anregung für mein Essay sind:

https://www.academics.de/ratgeber/promotion-ja-oder-nein

https://www.studis-online.de/Studieren/promovieren.php

https://www.hochschulkompass.de/promotion.html

https://www.zeit.de/campus/2018/06/dissertation-promovieren-doktorarbeit-infos-tipps



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