40 Gründe, warum GeisteswissenschaftlerInnen die Berufsorientierung schwerfällt

Brauchen Studierende nur mehr Informationen über die Arbeitsmärkte, damit ihnen Berufswahl und Einstiegsstrategie leichter fallen? Ich war in Seminaren, Workshops und Beratung anfangs überrascht, dass ein Mangel an Informationen über Berufe und Zugangswege nur einen geringen Teil der Blockaden und Unzufriedenheiten ausmachte – und gerade den Teil, der sich am leichtesten ausräumen lässt.

Zum Jahrestag habe ich gesammelt, welche Schwierigkeiten, Bedenken, Gefühle mir in den fünf Jahren Blog/zehn Jahren Employability-Lehre und Beratung begegnet sind – Warum fällt Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern die Berufsorientierung im Studium schwer?

Studium, Wissen und Erfahrung

  1. Ich habe noch gar kein berufliches Ziel. Wie soll ich da ein Profil im Studium bilden? Ich will aber auch die Zeit nicht verschwenden, wenn alle anderen ihr Profil bilden.
  2. Ich kenne außer den üblichen Berufen – Lehrerin, Journalist, Lektorin – keine anderen (und die üblichen gefallen mir nicht).
  3. Welcher Beruf passt zu mir, und wie stelle ich das fest?
  4. Wie setze ich meine Vorstellung um? Welcher Weg führt zu meinem Beruf? Welche Stationen liegen auf diesem Weg? Welche Erfahrungen muss ich haben, um diesen Weg gehen zu können? Woran merke ich, dass der Weg richtig (für mich) ist?
  5. Den ersten Schritt habe bereits getan – ein Praktikum. Wie geht es jetzt weiter? Drei weitere Praktika? Wo ist das nächste Level, wenn ich noch keinen Abschluss habe?
  6. Mir fehlt ein integratives Konzept, einen beruflichen Weg zu gehen und mein Leben/meine Werte/meine Partnerschaft zugleich nicht zu stark anpassen zu müssen. Priorität haben Erfüllung und Lebensqualität.
  7. Ich weiß fast nichts über die freie Wirtschaft.
  8. Ich kenne das Wirtschaftsprofil der Region nicht, und potentielle Arbeits-/Praktikumsgeber ebenfalls nicht.
  9. Ich weiß nichts über die Branche, in die mein Beruf gehört.
  10. Ich kenne keine Informationsmedien zu diesem Thema.
  11. Das Lehrangebot an meiner Hochschule ermöglicht mir nicht zu lernen, was Absolventen meiner Fächer angeblich können.
  12. Ich weiß nicht, was ich kann. Und ob ich das gut kann.
  13. Ich weiß nicht, was mein Potential ist und wie ich es am besten entfalten kann.
  14. Wie zeige ich meine Kompetenz – all das, was nicht auf dem Zeugnis steht?
  15. Ich weiß nicht, wie ein Außenstehender meine Kompetenzen beurteilt.
  16. Ich weiß nicht, wie ich mein Wissen in Handeln umsetzen soll.
  17. Was sind Netzwerke – sind sie institutionalisiert, kann man da einfach hingehen? Wie finde ich für mich das richtige Netzwerk? Wie geht netzwerken? Das scheint eine Schlüsselkompetenz zu sein.
  18. Ich habe nur studiert. Mit sehr gutem Ergebnis, aber ich fühle mich jetzt defizitär.

    Gefühle, Wollen, Entscheidungen

  19. Ich will die Region nicht verlassen, auch wenn die typischen Weiterbildungsgeber/Arbeitgeber nicht hier sind.
  20. Ich will mich (noch) nicht festlegen.
  21. Ich kann mich nicht entscheiden, weil es zu viele Berufsoptionen gibt.
  22. Ich kann mich nicht entscheiden, weil gerade andere Prioritäten in meinem Leben herrschen. Die Festlegung auf einen Beruf zum jetzigen Zeitpunkt würde mir Lebensqualität und Offenheit nehmen.
  23. Ich kann mich nicht entscheiden, weil sich mein Profil gerade erst formt – hinsichtlich der Fach- und Schlüsselkompetenzen, aber auch hinsichtlich der Lebenspläne und -werte.
  24. Ich habe einen Traumberuf. Er ist ein Gefühl, fühlt sich gut an. Mehr über ihn zu wissen, würde mich ihm nicht näher bringen, sondern das gute Gefühl zerstören.
  25. Ich will nicht für maues Geld in ein Praktikum oder Volontariat ohne Übernahmemöglichkeit. Es gibt würdevollere Alternativen: Kellern, Promovieren, Kellnern und Promovieren.
  26. Die hohe Zahl der Freiberufler im Kultursektor erschreckt mich. Darauf fühle ich mich noch schlechter vorbereitet als auf einen Angestelltenjob.
  27. Ich interessiere mich nicht für Wirtschaft.
  28. Es ist mir zu viel, ich bin überfordert. Pause bitte.
  29. Ich genieße mein Studium und muss danach ohnehin etwas Ungeliebtes machen (sagt jeder). Damit möchte ich mich jetzt noch nicht beschäftigen.
  30. Dozenten, Kommilitonen, Medien, Gesellschaften prägen ein negatives Mindset zu unseren Berufsaussichten. Ich kann mich dem nicht entziehen.
  31. Mein Studium macht mir überhaupt keinen Spaß. Die Vorstellung, mein Leben lang etwas mit diesen Studienfächern machen zu müssen, frustriert mich.
  32. Ich finde, Geisteswissenschaften studiert man ohnehin nicht für einen Beruf. Das ist ein Verrat an der Wissenschaft.
  33. Es widerstrebt mir, mich „be-werben“ zu müssen. Ich arbeite lieber an Inhalten, Qualität wird sich immer durchsetzen.
  34. Es widerstrebt mir, für meine Arbeit Geld zu verlangen. Wenn man es mir gibt, ok. Aber ich bin nicht materialistisch, ich will es nicht fordern, ich will nicht darüber reden, ich stehe da drüber.
  35. Die Geschichten der Praktiker, die in der Uni von ihrem Werdegang erzählen, haben nichts mit mir zu tun.

    Begrenzungen

  36. Ich habe eine Ausbildung vor dem Studium gemacht. Ich kann es mir nicht leisten, mich nochmal zu irren.
  37. Mein Spielraum ist begrenzt. Ich leiste Care-Arbeit für Kinder/Eltern/Partner.
  38. Ich kenne niemanden, bei dem ich mir fundierten Rat holen könnte oder mit dem ich mich über Pläne, Gedanken, Wünsche, Hindernisse austauschen kann.
  39. Ich habe keine Vorbilder oder Personen, die ich fragen kann. Nur die DozentInnen. Und ich verstehe langsam, dass die keine Arbeitsmarkterfahrung jenseits der Wissenschaft haben.
  40. Mir fehlen Unterstützer in Familie, Freundeskreis, Uni und/oder Zielbranche.
  41. Es gibt Tätigkeiten/Branchen mit hohem Bewerberüberschuss – die Wissenschaft etwa, siehe Beitrag PrivatdozentInnen.

Es macht für ein berufsorientiertes Studium einen deutlichen Unterschied, ob jemand Schwierigkeiten hat oder aufziehen sieht, weil es in seiner Zielbranche einen Bewerberüberschuss gibt (wobei auch das zunächst zu verifizieren wäre), oder ob jemand sich nicht festlegen will. Verzwickt wird es auch, wenn mehrere dieser Gründe und Haltungen zusammenkommen: Ich bin mir unsicher, ob X der richtige Job für mich wäre, aber der Einstieg wird sowieso schwer, und ich lebe lieber froh mit meinem Partner hier als gestresst und ohne Partner dort, und es sind sowieso die falschen Fächer. Es geht dann um viel mehr als um eine Strategie, als um Arbeit an Einzelfragen, um Input oder das 2017er-Design von Lebensläufen. Diese Arbeit dauert länger, begleitet Studium oder Promotionsphase, kennt persönliche Krisen und Metamorphosen.

Vielen Dank all jenen, die ich darin bis heute begleiten durfte und mit denen ich mich austauschen konnte.

Ihr seid herzlich eingeladen, die Liste zu ergänzen oder Eure Tipps im Umgang mit diesen Sorgen und Schwierigkeiten zu posten.

 

Oh Schreck, die Geist kommt

Der Untergang der Männerkultur in den Geisteswissenschaften droht, schreibt Literaturwissenschaftler Manfred Schneider in einem „Kommentar zur Gleichstellung“ in der NZZ. Und: Diese Kultur wird nicht von der UNESCO gerettet werden, wie unbehaglich.

Was diese Männerkultur ausmacht? Sie denken jetzt vielleicht an gläserne Decken, das Prinzip der Ähnlichkeit bei der Stellenbesetzung oder das perfide „Die männliche Personenbezeichnung meint stets auch Frauen“ und eventuell auch das schöne Modell von Professor und weiblichem Fanclub. Doch Schneider meint: das Agonale. Neinnein, nicht die Hahnenkämpfe und das Duell, sondern „den Sinn dafür, dass auch in diesen Wissenschaften etwas auf dem Spiele steht“. Und das liegt irgendwie daran, „dass (die) Mehrzahl der Studierenden weiblich ist, die Mehrzahl der Lehrer und bald auch die der Professoren.“

Schneider schreibt, dass jede Wortmeldung zu diesem Thema unter Verdacht stehe – stimmt. Verdacht der Pfründensicherung zum Beispiel. Denn natürlich ist in einigen unserer Fächer die Mehrzahl der Studierenden weiblich, in der Germanistik etwa (76,6%), in der Anglistik (71,8%), doch in anderen Fächern ist es deutlich ausgewogener, z. B. in der Geschichtswissenschaft (56,1% männlich, 43,9% weiblich; Zahlen für das WS 12/13 nach Statistisches Bundesamt/bpb). Im Jahr 2013 hielten die Frauen unter den hauptberuflich wissenschaftlich Tätigen an Universitäten (Professorinnen, Assistentinnen, Dozentinnen, wiss. Mitarbeiterinnen, Lehrkräfte für besondere Aufgaben) in den Sprach- und Kulturwissenschaften 34,8% (Statistisches Bundesamt 2014, S. 93, 185). Es wird also noch etwas dauern, bis die Mehrzahl der Professuren von Frauen besetzt sein wird, geschweige denn, dass sie ihrem Studierendenanteil entsprechend auch auf Leitungsebene vertreten sein werden.

Aber geschenkt – die eigentliche Frage ist ja, inwieweit die Geisteswissenschaften alte Qualitäten aufgrund der vielen Studentinnen (die meist nicht Professorinnen werden) verlieren, also Entwicklung, Dynamik, agonale Leidenschaften, Beiträge zum Heil der Welt. Zugleich bilden sie neue Schwächen aus: Sie orientieren sich an Drittmittelprogrammen, folgen scharmützeligen Agenden mit Pop und Gender und so, pflegen Neuro-Speech und biedern sich bei der Hirnforschung an. Wegen der Frauen, also wegen der vielen Studentinnen, denn Männer, die derzeit noch mehrheitlich die Lehrstühle besetzen und die Wissenschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte gestalteten, können daran unmöglich beteiligt sein. Positiv gewendet schreibt Manfred Schneider somit den Studentinnen fast unglaublichen Einfluss zu, eine Einladung, nun wirklich gestalterisch tätig zu werden.

Doch bleiben Sie wach. Bourdieu schrieb, dass sich männliche Herrschaft u.a. insofern zeigt, als dass sie meint, keiner Rechtfertigung mehr zu bedürfen. Jetzt wird sie zudem streckenweise selbstmitleidig. Wehren Sie sich gegen die jüngst beobachtete Tendenz, Frauenförderprogramme für unsere Fächer als „karriereschädlich“ und nun auch noch „wissenschaftsfeindlich“ zu verunglimpfen. Denn diese Karriere soll vielleicht gar nicht stattfinden, zum Wohle der Disziplinen.

Aber vielleicht nehmen wir den ein oder anderen Ball auch auf, nachdem der erste Ärger über den Artikel verraucht ist – tatsächlich tragen unsere Debatten aktuell wenig zu den dringenden Themen der Welt bei. Tatsächlich wählen viele von uns nicht mehr frei ein Qualifikationsthema, sondern eines, das fördergelderoptimiert ist. Unabhängig vom Geschlecht.

Statistisches Bundesamt 2014: Bildung und Kultur. Personal an Hochschulen, vorläufige Ergebnisse vom 1. Dezember 2013, Wiesbaden 2014, PDF

Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft, Frankfurt am Main 2005

Andrea Roedig: Strickliesel besiegt Gockelhahn, in: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/strickliesel-besiegt-gockelhahn-neues-aus-der-uni-debatte

Schachtelkunst

Vorweihnachtszeit heißt weg vom Nutzendenken. Der Verein „Wildwasser“ ist eine Anlauf- und Beratungsstelle für Frauen ab 18 Jahren, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalterfahrungen gemacht haben. Die Arbeit wird zum großen Teil durch Spenden finanziert. Wildwasser Bielefeld initiierte eine schöne Aktion, um Unterstützter zu finden: Interessierten Menschen sollen bezahlbare und „handliche“ Kunst gegen eine Spende erhalten können. Künstlerinnen und Künstler erhalten Blanko-Schachteln (wie eine Zigarettenschachten) als „Leinwand“. Nun bin ich Brotgelehrte und keine Künstlerin, doch freue mich sehr, dass auch meine Schachteln willkommen sind. Und es war wie bei wissenschaftlichen Arbeiten auch: anfangen, verwerfen, neu konzipieren, Materialien besorgen, wieder verwerfen, fast fertig, nochmal von vorn. Selbstzweifel. Grundsätzlich neu nachdenken. Bis ich zu dem Schluss kam: Meine Spiralgalaxien taugen noch nicht, ich bin eben eine Frau des Wortes. So dokumentierte ich zwei glückliche Tage in Gedanken und Taten mit meinen Kindern in Bad Cannstatt und Stuttgart. Manch Fehlversuche finden sich ebenfalls in den Schachteln. Das Format musste angepasst werden, aber darin liegt auch für manch wissenschaftliche Arbeit die Lösung, und schließlich gibt es auch lange, schlanke Zigaretten.

Nun wünsche ich der Aktion viel Erfolg!

Schachtelkunst

Rock your life – Erfahrung sammeln.

Wie soll ich Berufserfahrung sammeln, wenn dazu die Bedingung ist, bereits Berufserfahrung zu haben? – Schon bei Ausschreibungen für Praktika wird bisweilen „Berufserfahrung“ vorausgesetzt. Gestern, auf der perspektive13 in Bielefeld, traf ich drei Studenten (unserer Fachrichtungen, nicht unbedingt „Lehramt“), die sich bei der Initiative Rock Your Life engagieren. Deren Profil:

„Wir qualifizieren Studierende als Coaches, die ehrenamtlich Schüler aus sozial, wirtschaftlich oder familiär benachteiligten Verhältnissen nach einem strukturierten Coachingprozess auf dem Weg in den Beruf begleiten. Ziel der zweijährigen Coaching-Beziehungen ist es, die Schüler zu unterstützen, ihr individuelles Potential zu entfalten, sie in ihren Fähigkeiten, Talenten und Visionen zu stärken sowie ihre Perspektiven zu erweitern.“

Dass damit eine Stärkung der eigenen Talente, eine Entfaltung des eigenen Potentials und eine Erweiterung der eigenen Perspektiven einhergehen, liegt auf der Hand. Wenn Sie sich einmal von dem Anfangsimpuls der Akkumulation von Berufserfahrung befreien und die fremdbestimmte Bepunktung Ihres Lebens zwar wichtig, aber nicht allzu ernst nehmen, bieten Initiativen wie diese Ihnen vielleicht einen Zugang zur ursprünglichen Motivation, die Sie ein „brotloses“ Studium wählen ließ: die Gesellschaft beeinflussen, eigene Ideen und eigenes Wissen weitergeben und zu Leben erwecken. [Der Satz war für einen Blog viel zu lang. Entschuldigen Sie bitte.] Die Erfahrung, die Sie sammeln, würde natürlich auf den ersten Blick vornehmlich Lehr- und Bildungstätigkeiten entgegen kommen. Doch letztlich bilden Sie soziale Kompetenz und Wissen über soziale Bedingungen aus, Sie handeln politisch, Sie können sich im Fundraising oder in der Öffentlichkeitsarbeit einbringen.

Die Reaktionen in der Öffentlichkeit waren bislang sehr positiv; ich erinnere mich, bereits vor einigen Jahren über Rock Your Life gelesen zu haben (hier: Ulla Hanselmann: Nimm Dein Leben in die Hand, in: DIE ZEIT, 02.06.2010 Nr. 23) und bedauerte, keine Studentin mehr zu sein. Nun sah ich jedoch, dass mir auch als Graduierter Türen offenstehen: Patenschaften, Sponsoring und Förderungen; „helfen Sie uns mit Ihren Ideen, Ihrem Wissen, Ihrer Zeit“.  Eine schöne Plattform für soziale Mobilität auch innerhalb der akademischen Hierarchien.
Ein ähnliches Projekt, jedoch stärker auf den Lehrberuf zugeschnitten, ist übrigens TeachFirst.