Wikipedia-Tag

Heute ist Wikipedia-Tag, denn am 15. Januar 2001 ging die Enzykopädie online. Gut, dass für die Brotgelehrte inzwischen auch Studentinnen schreiben, denn wäre es die Dozentin allein, hätte sie natürlich mit gerümpfter Nase über diesen Jahrestag hinweggeschaut und gesagt, früher wär’s doch auch ohne gegangen. Aber „früher“ ist vergangen, Wikipedia hat eine eigene (Rezeptions-)Geschichte. Anlass für Christina Wiemann, sich der Jubilarin zu widmen.

Das Internet macht’s möglich – dauerhaften Zugang zu Informationen, eine wichtige Basis für Wissensgenerierung in nahezu jedem Fachbereich, egal ob für private Zwecke oder in Arbeit und Studium. Doch die Unmengen an Informationen sind unmöglich alleine zu bewältigen und zu katalogisieren. Wie gut, dass es Onlineenzyklopädien wie Wikipedia gibt. Viele Kommiliton*innen nutzen Wikipedia gern für einen ersten Einblick ins Thema, egal ob für Referate oder Hausarbeiten, trotz mahnender Worte der Dozierenden wegen fehlender Wissenschaftlichkeit und Plagiatsanfälligkeit. Hier treffen sich zwei Welten, nämlich die analogen Lehre und die digitale „Mitmachwelt“. So stellt sich natürlich die Frage am heutigen Wikipediatag, inwieweit es gerechtfertigt ist, Wikipedia zu verteufeln und aus dem universitären Alltag zu verbannen. Natürlich hat Wikipedia seine Tücken. Also muss man wissen, welche es sind und wie man damit umgeht.

Deshalb möchte ich zunächst kurz die Arbeitsweise von Wikipedia erklären und erläutern. Anschließend soll die Kritik an Wikipedia genauer erläutert werden und diskutiert werden, in wie weit man es nutzen kann.

Wikipedia ist eine von Nutzern, also zumeist von Laien verfasste „Mitmach-Enzyklopädie“, in der jeder Lemmata hochladen und verändern kann. Die Autoren in Wikipedia agieren oft anonym. Im Gegensatz zu normalen Nachschlagewerken vertraut man bei Wikipedia der „Schwarmintelligenz“ und geht nach dem Prinzip vor: Mehr Leute wissen mehr als einer – ein Prinzip des Crowd Sourcing. Deshalb hat jeder die Möglichkeit, nach der Veröffentlichung Artikel zu verändern oder zu kommentieren.

Gern wird Wikipedia auch von Studierenden genutzt; egal, ob bei Referaten oder Hausarbeiten – hier finden sich hier schnell und knapp gebündelt alle wichtigen Informationen sowie manchmal sogar Literatur, die einen Anfangspunkt für die Recherche bilden kann. Trotz der Warnung vieler Dozenten findet Wikipedia somit doch oft den Weg in so manche Arbeitsprozesse für Referat oder Hausarbeit, auch wenn es nicht unmittelbar zitierfähig ist.

Doch ist die gängige Kritik noch tragbar? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick in die Arbeiten des Historikers Peter Haber zu werfen, der Potential in Wikipedia sieht, da es Möglichkeiten bietet, die die klassische Recherche in einer Bibliothek nicht habe. Seine Studien zeigen gar eine erstaunliche Konformität von Wikipedia-Artikeln zu Lexikonartikeln des letzten Jahrhunderts. Doch das Prinzip, das nach der Crowd-Sourcing-Idee für Qualität sorgen würde, nämlich die Diskussions- und Änderungsfunktion, ist leider den meisten Nutzern unbekannt, sodass es leider nur eine recht kleine aktive (und mitunter auch ausschließende) Autorenschar gibt. Trotzdem stellt Haber die Frage, in wie weit dieses Modell Vorbildcharakter haben kann für geschichtswissenschaftliche Arbeits- und Darstellungsformen. Leider kann ich den Gedanken Habers nicht ganz teilen, denn was mir in diesem System fehlt, ist eine Kontrollinstanz. Wer sichert im Crowd Sourcing die Qualität?

Obwohl es gute und valide Artikel gibt, sei es, so Haber, schwierig, sich ein generelles Urteil zu bilden, da die Artikel zu heterogen sind. Oft sei es nur eine Faktenanhäufung. Deshalb riefen Historiker wie Roy Rosenzweig zur Mitarbeit auf, andere, etwa Frank Schulenberg, beteiligen sich aktiv und bearbeiten Artikel oder arbeiten als Angestellte für die Wikimedia Foundation.

Haber schlägt einige interessante Anwendungsbereiche für Wikipedia vor. Zum einen biete es aktuelle und ermögliche multiperspektivische Ansichten zu Themen. Deshalb lohne es sich durchaus, einmal die Artikel in unterschiedlichen Sprachen in ihrer Wortwahl und Darstellung zu vergleichen, da sich hier Aussagen zur Mentalität, Ressentiments oder Emotionaliät einiger historischer Darstellungen zeigen. All dies sei nicht möglich mit einem normalen Nachschlagewerk. Haber räumt aber ein, dass Wikipedia sich nicht für einen ersten Einblick in ein Thema anbete, das es viel zu anspruchsvoll sei, kooperativ in ein Thema ausreichend einzuführen. Verwendbar seien aber trotzdem ältere Artikel, die eine reichhaltige Versionen- und Diskussionsgeschichte aufweisen.

Die Arbeiten Habers plädieren dafür, dass Wikipedia aus Lehre und Universität nicht ausgeschlossen werden sollte, da sich nicht nur neue interessante Nutzungsbereiche damit eröffnen, sondern auch wichtige Kompetenzen trainiert werden. So zeigt Hodel, dass nicht nur die Analyse von Informationen wichtig sei sondern auch deren Darstellung.

Zur Erlangung einer guten Mischung aus Fach- und Medienkompetenz schlägt Haber einen Arbeitsprozess mit vier Phasen vor.

1. So wird Wikipedia zunächst als Wikisystem analysiert, die Zielsetzung des Projektes, sowie die Motivation der Mitarbeitenden erläutert.

2. In der zweiten Phase sollen eigene Wikipedia-Artikel erstellt werden und die damit verbundenen Erfahrungen notiert werden.

3. Im nächsten Schritt sollen nun eigene historische Darstellungen kollaborativ, in Form von Essays, Dialogen oder Erklärungen erstellt werden.

4. Abschließend wird das Projekt mit einer Rückschau beendet. Ziel ist eine Reflexion historischer Sinnbildung und eine Reflexion von Entstehungsprozessen von historiographischen Texten.

Abschließend zeigt sich, dass Wikipedia doch mehr kann als zunächst vermutet. Ohne eine Verbindung von Fach- und Methodenkompetenz ist jedoch ein reflektierter Umgang schwer. Deshalb soll hier der Appell an die Lehre erfolgen, die Herausforderungen von Wikipedia im Hinterkopf zu haben, aber vor allem das Nutzungspotential zu sehen und sich konstruktiv und kritisch in crowdbasierte Wissensproduktionen einzubringen.

Referenzen:

Haber, Peter/Hodel, Jan: Wikipedia und die Geschichtswissenschaft. Eine Forschungsskizze, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte (59/2009), Zürich.

Haber, Peter: Digital Past, Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter, München 2011.

Hodel, Jan: Verkürzen und Verknüpfen. Geschichte als Netz narrativer Fragmente; wie Jugendliche digitale Netzmedien für die Erstellung von Referaten im Geschichtsunterricht verwenden, Bern 2013.

Hodel, Jan/Haber, Peter: Das kollaborative Schreiben von Geschichte als Lernprozess. Eigenheiten und Potenzial von Wiki-Systemen und Wikipedia, in: Merkt, Marianne/Mayberger, Kristin/Schulmeister, Rolf/Sommer, Angela/Berk, Ivo van den: Studieren neu erfinden-Hochschule neu denken, Münster 2007

Wanner, Peter: Geschichte 2.0, Geschichte und Wissenschaft im digitalen Zeitalter, Heilbronn 2007.

https://www.zeit.de/2010/28/Wikipedia-Daten

https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia

Digitalisierung als individueller Prozess

Wir wissen natürlich irgendwie schon, dass uns Digitalisierung etwas angeht. Kolleg*innen, Kommiliton*innen, Fächer, Institute, Arbeitgeber und die Medien, für die wir uns entschieden haben, reagieren sehr unterschiedlich auf diesen möglicherweise FUndamentalprozess, was es schwierig macht, darin einen eigenen Weg jenseits über Konsum und Kritik hinaus zu finden.

Als ich vor einigen Wochen einen Workshop zum Thema „Digitalisierung und Berufsorientierung für Geisteswissenschaftler*innen“ anbot, stellte ich schon im Vorfeld fest, wie schwierig es für viele Kommiliton*innen ist, das Reden über Digitalisierung in konkrete Praktiken, Inhalte und Methoden zu übertragen. Überhaupt ergaben sich die Gespräche hauptsächlich über den Workshop, nicht darin, als berge der Eintritt eine Wesensänderungsgefahr, Identitätskrisen, Unbequemlichkeiten. Es war viel verführerischer, ausgiebig über Digital Humanities als Wissenschaft zu reden, in aller angemessenen Tiefe und gleichzeitiger Unverbindlichkeit. Ein pragmatischer gemeinsamer Startpunkt waren schließlich fachübergreifende Anwendungen wie Textverarbeitung, Datenbanken und die Digitalisierung/Virtualisierung von Quellen oder Findmitteln. Wir konnten über Veränderungen von Arbeitstechniken, Fragestellungen und konkreten Workflows sprechen, doch es fiel sehr schwer, allgemeine Veränderungen auf individuelle Auswirkungen hin zu bewerten – und dabei den eigenen Unwillen, das evtl. abweichende Konzept von wissenschaftlicher Identität hinreichend zu reflektieren.

Es stellten sich ganz unterschiedliche individuelle Hemmnisse dar:

  • Die Entscheidung für geisteswissenschaftliche Disziplinen sei gerade aus dem Grund gefallen, nichts mit Informatik machen zu müssen.
  • Abstrakte Ängste, Kritiken und Diskussionswünsche (z.B. Strahlen, „The Four“, Internetsucht), deren Relevanz unbestritten ist, deren Benennung allein jedoch nicht zu Empowerment führt. Ich finde, eine intellektuelle Selbsthilfegruppe „Digitalisierungskrtitik“ hat durchaus ihren Charme; weitergedacht gehört eine kritische Begleitung, Analyse, Reflexion und Entwicklung des gesamtgesellschaftlichen Prozesses Digitalisierung ohnehin zu den Aufgaben geisteswissenschaftlicher Disziplinen.
  • Bei Gesprächspartner*innen mit erster Berufserfahrung Überforderung und Verärgerung über „Digitalisierungsdruck“ – der Einsatz unterschiedlicher Tools für unterschiedliche Prozesse und Teams mit gefühlt ständigem Updatebedarf, der Pflichtschulungen und Blockaden zur Folge hatte, wenn etwas das Update des einen Tools nicht mit der aktuellen Version des anderen Tools kompatibel war usw.
  • Eine Wahrnehmungsdiskrepanz: akademische Lehre, die nur in geringem Maße eine Einbindung digitaler Ressourcen in den Lernprozess zuließ, eine Überlagerung der Dozierenden-Studierenden-Beziehung von Campus-Management-Systemen mit all ihren Verwaltungsabsurditäten und Zugangshürden, letztens eine intensive Freizeitnutzung, die zwar der Zuschreibung zu „digital natives“ entsprach, aber keine professionalisierte Mediennutzung bedeutet.

Die Kommiliton*innen sind folglich mit sehr unterschiedlichen Qualitäten und Phänomenen von „Digitalisierung“ konfrontiert. Die Herausforderungen bestehen darin, einerseits klare Haltungen und Bewertungskriterien auszubilden und andererseits pragmatische Bildungs-, Organisations-, Nutzungs- und Lernstrategien zu entwickeln. Dazu gehören:

  • Digitalisierung individuell in Bezug zu kontextuellen/systemischen Perspektiven zu definieren,
  • Ziele, Haltungen, Szenarien für individuelle Digitalisierungsstrategien entwickeln, eigene Herkunft und bestehende Haltungen reflektieren,
  • Tools, Methoden, Konzepte kennenlernen und auf die eigenen Werte und Ziele hin zu bewerten. Auswahl der Lerninhalte und -prozesse.
  • Unterscheidung und Bewertung selbstbestimmter und fremdinduzierter Lernprozesse und –gegenstände. Trennung von tatsächlichen und imaginierten Anforderungen.
  • Digitale Lern- und Nutzungsgewohnheiten beobachten, reflektieren, systematisieren und veränderungsfähig halten.
  • Umsetzungspläne erstellen.
  • Umsetzen.
  • Streiten, Ruhe bewahren und einen eigenen Digitalisierungsstil ausprägen.

Ich bin gespannt auf die nächsten Veranstaltungen und all die Diskussionen im Vorfeld.

Referenzen

Stöger, Roman: Toolbox Digitalisierung. Vorsprung durch Vernetzung, Stuttgart 2017 (hier geht es eigentlich um Unternehmen bzw. Organisationsentwicklung. Ich habe einige Ideen für individuelle Prozesse adaptiert), affiliate Link zu amazon

Fotis Jannidis/Hubertus  Kohle/Malte Rehbein (Hg.): Digital Humanities. Eine Einführung, Stuttgart 2017 (hier v.a. Kap. 1-3), affiliate Link zu amazon

Radermacher, Ingo: Digitalisierung selbst denken. Eine Anleitung, mit der Transformation gelingt, Göttingen (2)2018, affiliate Link zu amazon

Precht, Richard David: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft, München 2018 (Streit- und Diskussionsgrundlage), affiliate Link zu amazon

 

Gründen üben

Im Zukunftsgestalter-Seminar in Paderborn gehen wir in die letzte Runde. Nach Tätigkeiten in den „Zukunftsbranchen“ nach Richard Reich – Computing, Consulting, Coaching, Caring und Catering – arbeiten wir nun einige Sitzungen lang an Konzepten zur freiwilligen, unfreiwilligen und nebentätigen Selbstständigkeit. Prompt sinkt die Teilnehmerzahl auf die Hälfte. 🙂 Das ist schade, gehören doch unsere Absolventen traditionell zu den Selbstständigen in den Freien Berufen, und niemand käme bei den anderen Freiberuflern Architekten, Juristinnen, Steuerberatern oder Ärztinnen ernsthaft auf die Idee, miese Stimmung zu verbreiten, will jemand in eigener Büro, Kanzlei, Praxis tätig sein. Es braucht eben gute Vorbereitung.

Nun also standen die Ideen der Teilnehmerinnen im Zentrum der Arbeit: z.B. ein Kulturcafé, eine e-Book-App, online-Reiseservices für junge Frauen, Coaching und eine regionale Künstleragentur.  Mit der Business Model Canvas erarbeiteten wir erste Strukturen. Anschließend war es interessant zu sehen, an welchen Stellen die Kommilitoninnen jeweils Schwierigkeiten bekamen – es waren nämlich nicht die gleichen:

  • Wieviel Startkapital braucht ein Kulturcafé, und woher kann es kommen?
  • Welche Partner brauche ich für ein e-Book-App-Business, wenn ich die App nicht selbst programmiere, die Bücher nicht selbst schreibe, noch keine Verträge mit Verlagen habe?
  • Wer sind meine Kunden? Alle natürlich, aber nochmal: Wer sind meine Kunden, und wie erreiche ich sie?
  • Ich habe alles ausgefüllt. Mich überzeugt aber meine eigene Idee nicht. Was nun?
  • Was werden eigentlich meine Tätigkeiten sein?
  • Wie unterscheidet sich das, was ich tue, von dem Wert für den Kunden?

Insbesondere die letzte Frage macht viele Schwierigkeiten – auch, wenn die Frage selbst so klar und berechtigt scheint. In den letzten Workshops war dies auch immer ein Knackpunkt: Viele glauben, dass in der eigenen Tätigkeit bereits der Wert für den Kunden liegt und empfinden es sogar als Kränkung, dass der Wert, den ich selbst meiner Arbeit zuschreibe (oder den sie für mich hat), für den Kunden keine Rolle spielt.
Z.B. bereite ich enzyklopädisch Wissen auf – die Kunden wollen aber kein allgemeines Info-Exposé, keine Enzyklopädie, keine Wahlmöglichkeiten und auch keine Erkenntnis, sondern eine konkrete Information zu einem konkreten Problem. Die erreiche ich aber erst, nachdem ich das Feld erarbeitet habe. Oder ich ringe mir in harter Arbeit Satz um Satz ab, suche nach passenden Quellenzitaten und zeitgenössischen Abbildungen, erarbeite eine Struktur für eine Veranstaltung, und der Wert für die Teilnehmerinnen besteht in Leichtigkeit und Unterhaltung. So geht es vermutlich auch jeder Romancière.

Diese beiden Beispiele zeigen keine Enttäuschung oder Fehlschläge. Sie zeigen, dass ich meine Dienstleistung multiperspektivisch denken lernen musste. Anders als etwa im Unterricht, wo das Lernziel vom Lehrplan oder von mir vorgegeben wird, definiere ich in der Selbstständigkeit die Erwartungen und Ziele der Kunden eben nicht selbst, sondern muss sie erfragen, kennenlernen, recherchieren. Und offen dafür sein, dass sie aus dem, was ich ich anbiete und leiste, etwas eigenes machen.

Zum letzten Punkt: Alexander Osterwalder/Yves Pigneur: Value Proposition Design: Entwickeln Sie Produkte und Services, die Ihre Kunden wirklich wollen, Frankfurt am Main 2015

Allgemein:
Geisteswissenschaftler gründen erfolgreich

Mitschnitt Buchmesse Frankfurt: Geisteswissenschaftler als Gründer (kein Gendern erforderlich)

Catharina Bruns/Sophie Pester: Frei sein statt frei haben: Mit den eigenen Ideen in die kreative berufliche Selbstständigkeit, Frankfurt am Main 2016

Tim Clark/Alexander Osterwalder: Business Model You: Dein Leben – Deine Karriere – Dein Spiel, Frankfurt am Main 2012

Günter Faltin: Kopf schlägt Kapital. Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen, München 2011

Alexander Osterwalder/Yves Pigneur: Business Model Generation. Ein Handbuch für Visionäre, Spielveränderer und Herausforderer, Frankfurt am Main 2011

 

 

 

Sketchnotes, visuelle Wissensvermittlung

Heute fand ich auf der Suche nach Inspiration für meine Bullet Journals die Sketchnoteloverin. Sketchnotes sind Notizen in der Kombination aus Text, Bild und Strukturen. Die Sketchnoteloverin heißt Tanja Wehr und hat „eine(n) Master in geisteswissenschaftlichen Fächern, die mich heute noch als Hobby beschäftigen“. Zum Hobby hierlang: Ihr bis 2016 geführter Blog  Wissenswürze  ist sichtbar von ihren Studienfächern (u.a. Kunstgeschichte und Philosophie) beeinflusst.

Sie beschreibt ihre Tätigkeit als Übersetzung „komplexe(r) Inhalte in leichter verständliche Wort-Bild-Kombinationen“. Sie hält Informationen fest, nur nicht im Text, wie wir dies üblicherweise tun, sondern in Wort-Schrift-Grafik-Kombinationen. Die Anwendung erfolgt in Graphic Recordings bei Live-Veranstaltungen, in strategischer Beratung zur visuellen Wissensvermittlung und in Workshops. Das Grundmuster Studium + X gilt also auch hier, und das X sind Kenntnisse und Erfahrung im Grafik Design und die Aneigung von Methoden, die in der Hochschule noch nicht unbedingt angekommen sind – Tanja Wehr nennt Design Thinking und das Kanban Board.

Weitere Beispiele für Tätigkeiten udn Gründungen im Bereich visuelle Wissensvermittlung mit Nähe zu unseren Fächern:

andere Wege in dieses Tätigkeitsfeld: Ausbildung/Studium (Grafik) Design, Medientechnik, visuelle Kommunikation, Kommunikationsdesign.

Fertigt Ihr selbst Sketchnotes an? Wie sind Eure Erfahrungen mit Sketchnotes im Studium oder zur Wissensvermittlung? Habt Ihr Tipps?

 

Fachkompetenzen

Absolventenstudien zu Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern (s.u.) zeigen im Schnitt recht deutlich, dass die meisten von uns nach wie vor in affine Berufe gehen, und zwar affin im Sinne einer inhaltlichen, methodischen oder/und sozialen Kontinuität des Studiums. Mit sozialer Kontinuität meine ich die Zugehörigkeit zum System Wissenschaft oder Bildungswesen etc., also z.B. Tätigkeiten im Wissenschaftsmanagement, im Stiftungswesen oder bei Wissenschaftsverlagen. Dies gilt insbesondere für die Jahre des Berufseinstiegs. Die mitunter individuellen oder gar selbst erfundenen Berufe, die hier im Blog vorgestellt wurden, sind häufig das Ergebnis einer jahrelangen Formations- und Erfahrungsphase, und auch sie weisen überwiegend die Weiterentwicklung oder Transformation von Studieninhalten oder -methoden auf. Wenn ich auf Jobmessen mit Personalern oder Arbeitgebern sprach, so interessierten sie sich weniger dafür, ob wir irgendwie nachqualifizierbare BWLer hervorbringen, als dafür, was wirklich der Kern unserer Fächer ist.

Personaler: „Geschichte studieren Sie? Aha. Das bedeutet, Sie können …?“

Student: „Allgemeinbildung.“

Das stimmt natürlich. Und ist doch eine so fatale Antwort, weil die Idee, wir seien großartige Generalisten, uns hindert, großartige Fachkräfte zu sein – zumal die meisten, mit denen ich bislang gearbeitet habe, eine hohe inhaltliche Motivation durch die Tiefen des Studiums trug. Sie streben Fachlaufbahnen an und keine klassische Führungskarriere.

Es ist auch in Hinblick auf die professionelle Identität kein befriedigendes Gefühl, die eigenen Kompetenzen nicht beschreiben zu können – zumal es zu unseren fachübergreifenden Schlüsselkompetenzen gehört, Dinge zu definieren. Fachkompetenzen grenzen berufliche Identitäten von GeisteswissenschaftlerInnen untereinander ab. Doch es ist gar nicht so leicht, zu benennen, welche fachlichen Fähigkeiten wir tatsächlich haben. Jemand, der Philosophie und Alte Geschichte studiert hat, kann tatsächlich andere Dinge tun als jemand, der Soziologie, Anglistik und Zeitgeschichte studiert hat, und es ist fahrlässig, diese beiden sehr unterschiedlichen Profile von Beginn an als „irgendwas mit Schlüsselkompetenzen“ zu verwässern. Hinzu kommen die spezifischen Lehrangebote, die Schulen und Konventionen des Studienstandorts.

Mitunter verläuft auch die Grenze zwischen Fach- und Schlüsselkompetenz nicht eindeutig. Oder sie verschiebt sich, hier am Beispiel „Lesen“: Zeitunglesen – Kulturkompetenz, wissenschaftliche Texte lesen – überfachliche Schlüsselkompetenz, Lesen von Abbreviaturen in archivalisch überliefertem Verwaltungsschriftgut – Fachkompetenz, hier von Historikern. Wir müssen im Blick behalten, auf welcher Ebene wir hier je arbeiten.

Wo erfahren Sie etwas über die Fachkompetenzen, die Sie in Ihrem Studium ausbilden können?
In den Modulhandbüchern etwa, auf den Profilseiten Ihrer Institute, in der Studienliteratur zur jeweiligen Fachmethodik. Aber auch in Stellenausschreibungen affiner Tätigkeiten. Letztlich können Sie auch mit den Perspektiven spielen: Sie können Kompetenzen aus Ihrem Studienfach heraus denken, und in den Blick nehmen, welche Anforderungen an konkrete Berufsbilder geknüpft sind. Dann wird vermutlich ein Fächer aufgehen, der aus vier Komponenten besteht:

  1. Methodenwissen (z.B. quantitative oder hermeneutische Verfahren, Interpretation, Heuristik, Methoden aus den Hilfs- und Grundwissenschaften der Fächer zum Daten- und Erkenntnisgewinn),
  2. Fachwissen (u.a. Fachsprache, Kanonwerke, Theorien und Schulen, Wissen um Hilfs- und Arbeitsmittel und fachliche Institutionen)
  3. Fachübergreifende Schlüsselkompetenzen (etwa Professionalisierung von Kulturkompetenzen wie Lesen, Schreiben, Präsentieren, Fremdsprachen, Fähigkeit zur wissenschaftlichen Arbeit, Einsatz von einschlägiger Software, Meinungsfähigkeit, Fähigkeit zum Transfer zwischen Abstraktem und Konkretem)
  4. Soft skills (Kommunikationsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Ambiguitäts- und Frustrationstoleranz etc.)

Jetzt, wo ich es schreibe und lese, ist es so selbstverständlich und banal. Aber in den Fächern haben wir vielleicht ein wenig zu sehr darauf vertraut, dass Außenstehende diese Selbstverständlichkeiten auch sehen, Studierende sie intuitiv erfassen. Die Professionalisierung und auch die PR des generalistischen Zugriffs auf die Geisteswissenschaften, die „Kompetenzorientierung“ mit „Schlüsselkompetenzorientierung“ gleichsetzten, waren in den vergangenen Jahren einfach agiler. Zeit für eine Selbstbetrachtung.

Die meisten von uns haben sich für geisteswissenschaftliche Disziplinen aus  persönlichem Interesse entschieden. Die meisten von uns sind überzeugt davon, dass wir und unsere Fächer einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Diesen Transfer von persönlichem Interesse zu gesellschaftlichem (oder betrieblichem) Beitrag sollten wir erklären können. Das Wissen um unser Können erlaubt es uns, „Kompetenz“ in Handlungen oder Produkte zu verwandeln und angemessen sichtbar zu werden.

Referenzen/Hinweise:

Vera Nünning (Hg.): Schlüsselkompetenzen: Qualifikationen für Studium und Beruf, Stuttgart 2008

Monika Bethscheider / Gabriela Höhns / Gesa Münchhausen (Hg.): Kompetenzorientierung in der beruflichen Bildung, Gütersloh 2011

Rolf Arnold: Ermöglichen: Texte zur Kompetenzreifung, Baltmannsweiler 2012

siehe auch die Veröffentlichungen von John Erpenbeck zum Thema Kompetenz

http://www.stifterverband.de/pdf/schluesselkompetenzen_und_beschaeftigungsfaehigkeit_2004.pdf

Absolventenstudien z.B:

HIS-Studie Gregor Fabian

Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs (2013): http://www.buwin.de/site/assets/files/1002/6004283_web_verlinkt.pdf

DZHW-Absolventenuntersuchung 2016:
www.dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201604.pdf

KOAB/INCHER: Vergleich der Berliner Universitäten mit dem Bundesdurchschnitt in zentralen Indikatoren der Absolventenbefragung, Kassel 2015

sowie ausgewählte Alumnibefragungen der Uni Heidelberg, Uni Paderborn, TU Dresden, RU Bochum.

Schlüsselkompetenz Schreiben

Hanns-Josef Ortheil gibt im Dudenverlag eine Reihe „Kreatives Schreiben“ heraus. Ich wollte prüfen, ob sich diese Titel zum Studium – Selbststudium und Lehre – eignen, und arbeitete mich dafür bislang durch

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben dicht am Leben. Notieren und Skizzieren, Berlin u.a. 2012 und

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst. Spielformen des autobiographischen Schreibens, Berlin u.a. 2014.

Falls Sie denken, das autobiographische Schreiben sei studienfern, denke ich, Sie irren. Zwar ist ein unmittelbarer Nutzen für Hausarbeiten etc. möglicherweise nicht gegeben, aber zum einen sollten Sie als Philologin verschiedene Schreibformen kennenlernen, ausprobieren und nach etwas Übung beherrschen, und zum anderen können Sie gut von sich auf andere schließen, denn natürlich geht es im autobiographischen Schreiben auch um Ego-Dokumente anderer, um Oral History bzw. Interview, um Selbstreflexion und -darstellung. Vieles also, das Sie praktisch und methodisch weiterführt.

Die Bände sind auf den ersten Blick methodisch und in ihrer Komplexität fortschreitend gegliedert – vom hic et nunc zu übergreifenden, umspannenden, kunstvoll komponierten, experimentellen Texten. Mich hat positiv überrascht, dass mich keine wirklichkeitsfremden und artifiziellen Schreibaufgaben erwarteten, wie damals in Klasse 3: „Beschreibe, wie Du Deine Schuhe putzt“, sondern jede Lektion einen literarischen Paten hat. Dessen Werk dient zur Veranschaulichung und Erläuterung einer spezifischen Schreibart, und daraus entwickeln sich die Übungen je zum Kapitelende. Auch die weiterführende Literatur verweist nicht stumpf 120 andere gedruckte Schreibcoaches, sondern führt wissenschaftliche Literatur zum Aphorismus, Kommentar, Zeitungsausschnitt, Exzerpt (ha! Proseminar lässt grüßen!), zur Datensicherung und zum kulturellen Gedächtnis (Band Notieren) bzw. Geschichte und Theorie der Autobiographie, Selbsthermeneutik, Ästhetiken des Selbst bzw. der Existenz und Selbstentblößung (Band Autobiographie) an.

Die Aufgaben sind im Wesentlichen gut umzusetzen. Da ich zu den Schnelldenkern, aber Langsamschreibern gehöre, bin ich stets dankbar für Anweisungen wie „Kaufen Sie ein Din-A-5-Heft“. Dann kann ich das schon mal erledigen und habe das Gefühl, auf einem guten Weg zu sein. Und vielleicht geht es Ihnen so wie mir, und Sie können auf bestimmten Tastaturen einfach nicht flüssig schreiben, in manchen Heften nur auf der rechten Seite oder haben bei einer besonderen Papierstruktur schnell keine Lust mehr. Es gehört zu den Stärken des „Notate“-Buchs, dass beiläufig, mitunter auch im Zitat auf die Materialien der Autoren hingewiesen wird.
Warum ich hier keine gender-Schreibweise wähle? Ach, das alte Lied. 27 Titel in der zitierten Primärliteratur, 2 Autorinnen, 1 Herausgabe von Frauen (Notate). 38 Titel zitierte Primärliteratur im Autobiographie-Band, 3 Autorinnen.

Die Bände sind gut ausgestattet, gut lesbar, gut zu transportieren. Alles in allem praktisch und serviceorientiert. Falls Sie in Erwägung ziehen, sich auf eine der Trainingseinheiten einzulassen – was ich Ihnen gern empfehle – sollten Sie sich jedoch darüber im Klaren sein, dass Sie es nicht mit einem Crashkurs zu tun haben. Meine Lieblingsaufgabe in Fortführung von Lichtenbergs Sudelbüchern (Notate, S. 128f) lautet:
„Führen Sie ein Sudelbuch in der Manier Georg Christoph Lichtenbergs. Kaufen Sie sich zu diesem Zweck ein ausreichend großes Blankonotizheft oder -notizbuch mindestens im Format DIN A5. Schreiben Sie mit der Hand […]. […] Verwechseln Sie das Sudelbuch nicht mit einem Tagebuch. Notieren Sie also nicht Ihre Befindlichkeiten, sondern Details, Zusammenhänge und Geschichten, die Ihnen von außen zugetragen wurden oder auf die Sie während Ihrer Lektüren gestoßen sind. Führen Sie Ihre Aufzeichnungen bis zu Ihrem Tod. […]“

Zeitmanagement

Es sei Ihnen verraten, dass dieser Beitrag unter Bedingungen entstand, die ein konventionelles Zeitmanagement als „Herausforderung“ (hier Euphemismus für „Problem“) bezeichnen würde. Eigentlich führe ich nämlich gerade ein paar Dinge gleichzeitig aus, spinne Ideen, hefte sie ab, schreibe hier und schreibe da, trinke Tee, lese ein bisschen herum und bin gespannt, was ich bis zum Ende des Tages erledigt haben werde. Dabei fühle ich mich leicht gestresst, aber nur, weil ich überlege, ob es unverantwortlich ist, dies offenzulegen statt mit dem Trend zu gehen und Ihnen (!) unbedingt einen Zeitmanagementkurs zu empfehlen. Ist ja eine Schlüsselqualifikation, und genau da wird es vermutlich an Ihrer Universität auch Kursangebote geben – studium generale, Career Service, Studienberatung etc. Sie können auch ein wenig zur Einführung lesen, einen guten Überblick bietet z. B.

Simone Falk: Zeitmanagement, in: Nünning, Vera (Hg.): Schlüsselkompetenzen. Qualifikationen für Studium und Beruf, Stuttgart 2008, 20-32
(überhaupt ist der Band sehr hilfreich und ergänzt sinnvoll die Fachpropädeutik)

Wie wichtig Zeitmanagement ist, geht schon aus der Platzierung des Artikels hervor, nämlich unmittelbar auf die Einleitung folgend. Zeitmanagement ist eine kapitalistische Technik schlechthin, denn es basiert auf der Grundannahme, dass Zeit eine ökonomische Größe ist.

Wir aber haben doch unseren Augustinus von Hippo gelesen, Confessiones, Buch 11! (Falls nicht: Kapitel im Projekt Gutenberg und Thomas Pforte spricht „Was also ist die Zeit“ auf youtube.) Wäre es nicht aberwitzig, Diskurse unserer eigenen Disziplinen unhinterfragt vermeintlich systemrelevanten Anforderungen nachzuordnen?

Die Auswertung historischer Beispiele auf zukünftiges Handeln hin gehört zu unseren Kerntätigkeiten, daher ist es durchaus sinnvoll, aktuelle Kulturtechniken zu kennen. Natürlich ist es auch arbeitsmarktrelevant. Und Sie wissen erst, ob eine Technik Sie bereichert, nachdem Sie sie ausprobiert haben. Wenn Sie ein Zeittagebuch führen, Störungen analysieren, Ziele formulieren, Prioritäten setzen müssen, Tages- und Projektpläne erstellen und evaluieren etc. lernen Sie außerdem viel über sich selbst.

ABER: Möglicherweise bereitet Ihnen dies eine Art von Stress, auf die Sie gar nicht vorbereitet waren. Vielleicht gehen Sie zum Zeitmanagementkurs, weil Sie hoffen, von Ihrem Chaos geheilt zu werden, dem Verzetteln in verschiedenen Anforderungen und Projekten, dem unaufgeräumten Schreibtisch, der Aufschieberei… Nun aber erfahren Sie, dass Sie nicht nur diese Aufgaben nicht „ordentlich“ erledigen, sondern auch noch im Zeitmanagement versagen, weil es Ihnen nunmal nicht liegt, stets vom Ergebnis her zu denken und alles einer Priorisierung zu unterwerfen. Außerdem bekommen Sie schlechte Laune, wenn Sie nur ein Projekt haben und fühlen sich von einer Technik fremdbestimmt.

Daher war es eine ungemeine Erleichterung,

Cordula Nussbaum: Organisieren Sie noch oder leben Sie schon? Zeitmanagement für kreative Chaoten, Frankfurt a.M. 2012

zu lesen. Bereits die Wertschätzung – statt Pathologisierung – „chaotischer“ Arbeitsweisen ist ein persönlicher Gewinn. Die Autorin betont wiederholt, dass das Ziel des Zeitmanagements hier nicht ein möglichst effizientes Arbeiten in Fremdbestimmung ist, sondern eine selbstbestimmte (Arbeits)Organisation, die zu mehr Energie, Erholungszeiten und weniger Stress führt – und auf diesem Wege Effizienz überhaupt ermöglicht. Ich war überrascht über die Information, dass die Mehrheit der Menschen (41%) rechts-hemisphärisch sei und damit „kreativ-chaotisch“, 25% links-hemisphärisch und „logische Ordner“ (S. 30). Das herkömmliche Zeitmanagement ist folglich auf die 25% ausgelegt, die übrigen passen sich dem mehr oder weniger glücklich und erfolgreich an. Sicherlich lässt sich historisch erklären, wie es dazu kam, es verbildlicht sich mir stets in Thomas J. Watson und der Verpflichtung „Think“ vor senkrechten Enzyklopädiebänden; bei Max Weber finden Sie etwas Theorie dazu.

Nussbaums Buch war Testsieger der Stiftung Warentest, Spezial Karriere 11/2009. Sie unterhält Blog und website, dort können Sie gut reinschnuppern. Und falls Sie nun schon genug haben von all der Rede über Zeitmanagement, empfehle ich Ihnen meinen eigenen Beitrag zur Muße.