Was kann man denn damit werden? – Selbstauskunft der Fächer

Im Seminar kam in der Diskussion die alte Frage nach den Berufen von und den Berufen für GeisteswissenschaftlerInnen auf.  Wie erfahren wir denn von den Berufen für GeisteswissenschaftlerInnen? Meine Antwort und Aufgabe war: Am einfachsten aus den Selbstbeschreibungsdokumenten der Studiengänge, die auf der Website der Studiengänge veröffentlicht werden: Schaut in Eure Studiengangsprofile und in die Texte der Dokumente, die rechts und links davon stehen, Modulhandbuch, vielleicht hat Euer Institut sogar eine eigene Website auf der Homepage zu beruflichen PErspektiven.  In der nächsten Sitzung gab es ratlose Gesichter: Die der Studierenden, weil sie kaum etwas fanden, meines, weil ich mir sicher war, dass sie etwas finden würden.

Ergebnis 1: Die Selbstauskunft der Fächer, welche Berufe sie als einschlägig und geeignet ansehen, ist recht dezent und unkonkret. Am besten: Lehramt, wie immer. Oder auf Seiten schauen, die es ausführlich und diskursiv machen (und dafür auch eigenes Personal haben!), etwa:

Oft bleibt es recht knapp und allgemein, hier zitiert von der Germanistik Uni Trier: „Das Studium schafft damit die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Berufstätigkeit in all jenen Bereichen, die eine profunde sprachliche Kompetenz verlangen (Verlage, Zeitungen, Hörfunk, Medien, Pressestellen etc.), in Bildung und Lehre (Schule, Hochschule) oder in kulturfördernden Institutionen (Theater, Literaturhäuser, Museen etc.).“ Das entspricht meist dem Weltwissen der Studierenden und kann im Studium präzisiert werden. Es birgt nichts Neues, stiftet aber auch keine Verwirrung und ist nicht falsch.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es gibt nämlich auch Selbstauskünfte, die Verwirrung stiften, wenngleich mit Mühe und in bester Absicht erstellt. Recht willkürlich – im Alphabet eben weit vorne – stieß ich auf die Beschreibung der Beruflichen Perspektiven für die Absolventen BA Geschichte an der Uni Bamberg. Ich zitiere und antworte darauf dialogisch mit meinem Studentinnen-Ich (kursiv):

„In den vergangenen Jahren ist das Interesse der Öffentlichkeit an Geschichte stetig gestiegen: Geschichtliche Ausstellungen sind gut besucht, historische Bücher stehen auf Bestsellerlisten, Blockbuster mit geschichtlichem Hintergrund lassen die Kinokassen klingeln. [Genau! Hurra! Darum will ich auch Geschichte studieren. Ich will auch historische Romane schreiben. Oder wenigstens bei einem Verlag arbeiten, der was mit historischen Romanen macht. Oder irgendwas mit Film. Wisst Ihr nichts über Games? Egal, kann ich ja fragen. Im nächsten Abschnitt beschreibt Ihr bestimmt, wie man vom Studium dahin kommt.]

Klassische Berufsfelder finden sich an Universitäten, in Archiven und Museen sowie im Bibliotheksdienst. [Oh. Wo sind jetzt die Filme und Bücher? Wie kommt ihr von den Filmen und Büchern zu Universitäten, Bibliotheken und Archiven? Die Ausstellungen, ja, die waren oben auch schon angesprochen. Gibt’s da so viele von? Hm. Naja. Ich fang erstmal an, vielleicht ergibt sich ja noch was Besseres…]

Auch stellen mittlerweile viele Unternehmen Historiker zur Aufarbeitung ihrer Archivbestände ein. [Das wusste ich gar nicht, dass es so viele Unternehmen gibt, die das machen. Außerdem muss ich mir unbedingt die Formulierung merken, für die erste Proseminar-Hausarbeit. „In der Frühen Neuzeit stellten viele Fürsten Archivare zur Aufarbeitung ihrer Archive ein.“ Oder so. Ich weiß gar nicht, was die sich alle mit den Fußnoten verrückt machen, das geht doch auch ohne Belege!]

Auch fachübergreifende Tätigkeiten sind möglich [Puh, gut. Ich finde mein zweites Fach nämlich auch wirklich interessant. Und erst diese interdisziplinären Master, die man studieren kann!], z.B.

  • als Reiseleiter [Äh, Blogger, oder was? Wer reist denn mit Reiseleiter?] oder Referent [Davon habe ich ja noch nie gehört! Das klingt sehr seriös. Darum auch die Referate im Studium! Prima. Wenn dann in der Uni Jobmesse ist, gehe ich zu den Leuten an den Stand und sage: „Hallo. Ich studiere Geschichte und will Referent werden. Geht das bei Ihnen?“ Bin gespannt.]
  • in der Weiterbildung [Jetzt will ich es aber wissen. Gebe im FAZ-Stellenmarkt „Weiterbildung“ ein. Aha: „Professorin für Medien- und Kulturtechnologie“ – ich?, „Assistenz der Abteilungsleitung“ – das kann ich nicht, „Fakultätsmanager Wirtschaftswissenschaften“ – wieso Wirtschaft?, hm, die wollen alle gar kein Geschichtsstudium als Voraussetzung. Ah, da, ganz unten: „Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung IHK Stuttgart“. O-kaaay. Die wollen nur irgendein Hochschulstudium, aber dafür „tiefgreifende Berufserfahrung“. Also hier scheine ich irgendwas nicht kapiert zu haben.]
  • im auswärtigen Dienst [Das ist doch mal was Konkretes. War eigentlich nie mein Plan, siehe oben, historische Blockbuster und Romane, aber egal. Das Auswärtige Amt hat eine Stellenbörse. Da guck ich. Oha. Sprachdozent Englisch, befristet, Sprachdozent Französisch, befristet, Teilzeit. Nee. Sachbearbeiter mit Studium Verwaltungs- oder Rechtswissenschaft. Nee. Fremdsprachenassistenten. Auch nicht. Bürofachangestellte mit Verwaltungsausbildung. Wtf? Wo sind die Stellen für die Leute, die Geschichte studiert haben? Steht doch da auf der Website!!!]

Diese beruflichen Möglichkeiten stehen auch Bachelorabsolventen offen, insbesondere, wenn neben dem Studium Zusatzqualifikationen durch Praktika oder Auslandsaufenthalte erworben wurden. [Wann soll ich das denn noch machen? Ich wollte neben dem Studium Geld verdienen und ein bisschen Bücher und Filme… Und wozu? Ich habe bislang keine Ausschreibung in den Bereichen, die Ihr nennt, gesehen, in deren Anforderungsprofil steht: B.A. Geschichte und Zusatzqualifikationen. Wahrscheinlich muss ich studieren, und irgendwann gibt es eine Veranstaltung, in der Ihr das alles hier aufklärt. Für Eingeweihte.].

Ein parallel zum Lehramtstudium erworbener Bachelor eröffnet interessante Perspektiven außerhalb des Schuldienstes.“ [Die kommen dann auch in der geheimen Veranstaltung, aber: LEHRAMT! Die Rettung. Das mache ich. Das wollte ich zwar nie, aber: sicheres Einkommen, 12 Wochen Ferien – genügend Zeit und Geld für historische Blockbuster, Romane und Games. Wer auch immer die macht – Leute, die Geschichte studiert haben, offensichtlich nicht. Es muss ein Paralleluniversum geben.]

 

Habt Ihr Beispiele aus Euren Studiengängen? Her damit!

 

 

 

 

40 Gründe, warum GeisteswissenschaftlerInnen die Berufsorientierung schwerfällt

Brauchen Studierende nur mehr Informationen über die Arbeitsmärkte, damit ihnen Berufswahl und Einstiegsstrategie leichter fallen? Ich war in Seminaren, Workshops und Beratung anfangs überrascht, dass ein Mangel an Informationen über Berufe und Zugangswege nur einen geringen Teil der Blockaden und Unzufriedenheiten ausmachte – und gerade den Teil, der sich am leichtesten ausräumen lässt.

Zum Jahrestag habe ich gesammelt, welche Schwierigkeiten, Bedenken, Gefühle mir in den fünf Jahren Blog/zehn Jahren Employability-Lehre und Beratung begegnet sind – Warum fällt Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern die Berufsorientierung im Studium schwer?

Studium, Wissen und Erfahrung

  1. Ich habe noch gar kein berufliches Ziel. Wie soll ich da ein Profil im Studium bilden? Ich will aber auch die Zeit nicht verschwenden, wenn alle anderen ihr Profil bilden.
  2. Ich kenne außer den üblichen Berufen – Lehrerin, Journalist, Lektorin – keine anderen (und die üblichen gefallen mir nicht).
  3. Welcher Beruf passt zu mir, und wie stelle ich das fest?
  4. Wie setze ich meine Vorstellung um? Welcher Weg führt zu meinem Beruf? Welche Stationen liegen auf diesem Weg? Welche Erfahrungen muss ich haben, um diesen Weg gehen zu können? Woran merke ich, dass der Weg richtig (für mich) ist?
  5. Den ersten Schritt habe bereits getan – ein Praktikum. Wie geht es jetzt weiter? Drei weitere Praktika? Wo ist das nächste Level, wenn ich noch keinen Abschluss habe?
  6. Mir fehlt ein integratives Konzept, einen beruflichen Weg zu gehen und mein Leben/meine Werte/meine Partnerschaft zugleich nicht zu stark anpassen zu müssen. Priorität haben Erfüllung und Lebensqualität.
  7. Ich weiß fast nichts über die freie Wirtschaft.
  8. Ich kenne das Wirtschaftsprofil der Region nicht, und potentielle Arbeits-/Praktikumsgeber ebenfalls nicht.
  9. Ich weiß nichts über die Branche, in die mein Beruf gehört.
  10. Ich kenne keine Informationsmedien zu diesem Thema.
  11. Das Lehrangebot an meiner Hochschule ermöglicht mir nicht zu lernen, was Absolventen meiner Fächer angeblich können.
  12. Ich weiß nicht, was ich kann. Und ob ich das gut kann.
  13. Ich weiß nicht, was mein Potential ist und wie ich es am besten entfalten kann.
  14. Wie zeige ich meine Kompetenz – all das, was nicht auf dem Zeugnis steht?
  15. Ich weiß nicht, wie ein Außenstehender meine Kompetenzen beurteilt.
  16. Ich weiß nicht, wie ich mein Wissen in Handeln umsetzen soll.
  17. Was sind Netzwerke – sind sie institutionalisiert, kann man da einfach hingehen? Wie finde ich für mich das richtige Netzwerk? Wie geht netzwerken? Das scheint eine Schlüsselkompetenz zu sein.
  18. Ich habe nur studiert. Mit sehr gutem Ergebnis, aber ich fühle mich jetzt defizitär.

    Gefühle, Wollen, Entscheidungen

  19. Ich will die Region nicht verlassen, auch wenn die typischen Weiterbildungsgeber/Arbeitgeber nicht hier sind.
  20. Ich will mich (noch) nicht festlegen.
  21. Ich kann mich nicht entscheiden, weil es zu viele Berufsoptionen gibt.
  22. Ich kann mich nicht entscheiden, weil gerade andere Prioritäten in meinem Leben herrschen. Die Festlegung auf einen Beruf zum jetzigen Zeitpunkt würde mir Lebensqualität und Offenheit nehmen.
  23. Ich kann mich nicht entscheiden, weil sich mein Profil gerade erst formt – hinsichtlich der Fach- und Schlüsselkompetenzen, aber auch hinsichtlich der Lebenspläne und -werte.
  24. Ich habe einen Traumberuf. Er ist ein Gefühl, fühlt sich gut an. Mehr über ihn zu wissen, würde mich ihm nicht näher bringen, sondern das gute Gefühl zerstören.
  25. Ich will nicht für maues Geld in ein Praktikum oder Volontariat ohne Übernahmemöglichkeit. Es gibt würdevollere Alternativen: Kellern, Promovieren, Kellnern und Promovieren.
  26. Die hohe Zahl der Freiberufler im Kultursektor erschreckt mich. Darauf fühle ich mich noch schlechter vorbereitet als auf einen Angestelltenjob.
  27. Ich interessiere mich nicht für Wirtschaft.
  28. Es ist mir zu viel, ich bin überfordert. Pause bitte.
  29. Ich genieße mein Studium und muss danach ohnehin etwas Ungeliebtes machen (sagt jeder). Damit möchte ich mich jetzt noch nicht beschäftigen.
  30. Dozenten, Kommilitonen, Medien, Gesellschaften prägen ein negatives Mindset zu unseren Berufsaussichten. Ich kann mich dem nicht entziehen.
  31. Mein Studium macht mir überhaupt keinen Spaß. Die Vorstellung, mein Leben lang etwas mit diesen Studienfächern machen zu müssen, frustriert mich.
  32. Ich finde, Geisteswissenschaften studiert man ohnehin nicht für einen Beruf. Das ist ein Verrat an der Wissenschaft.
  33. Es widerstrebt mir, mich „be-werben“ zu müssen. Ich arbeite lieber an Inhalten, Qualität wird sich immer durchsetzen.
  34. Es widerstrebt mir, für meine Arbeit Geld zu verlangen. Wenn man es mir gibt, ok. Aber ich bin nicht materialistisch, ich will es nicht fordern, ich will nicht darüber reden, ich stehe da drüber.
  35. Die Geschichten der Praktiker, die in der Uni von ihrem Werdegang erzählen, haben nichts mit mir zu tun.

    Begrenzungen

  36. Ich habe eine Ausbildung vor dem Studium gemacht. Ich kann es mir nicht leisten, mich nochmal zu irren.
  37. Mein Spielraum ist begrenzt. Ich leiste Care-Arbeit für Kinder/Eltern/Partner.
  38. Ich kenne niemanden, bei dem ich mir fundierten Rat holen könnte oder mit dem ich mich über Pläne, Gedanken, Wünsche, Hindernisse austauschen kann.
  39. Ich habe keine Vorbilder oder Personen, die ich fragen kann. Nur die DozentInnen. Und ich verstehe langsam, dass die keine Arbeitsmarkterfahrung jenseits der Wissenschaft haben.
  40. Mir fehlen Unterstützer in Familie, Freundeskreis, Uni und/oder Zielbranche.
  41. Es gibt Tätigkeiten/Branchen mit hohem Bewerberüberschuss – die Wissenschaft etwa, siehe Beitrag PrivatdozentInnen.

Es macht für ein berufsorientiertes Studium einen deutlichen Unterschied, ob jemand Schwierigkeiten hat oder aufziehen sieht, weil es in seiner Zielbranche einen Bewerberüberschuss gibt (wobei auch das zunächst zu verifizieren wäre), oder ob jemand sich nicht festlegen will. Verzwickt wird es auch, wenn mehrere dieser Gründe und Haltungen zusammenkommen: Ich bin mir unsicher, ob X der richtige Job für mich wäre, aber der Einstieg wird sowieso schwer, und ich lebe lieber froh mit meinem Partner hier als gestresst und ohne Partner dort, und es sind sowieso die falschen Fächer. Es geht dann um viel mehr als um eine Strategie, als um Arbeit an Einzelfragen, um Input oder das 2017er-Design von Lebensläufen. Diese Arbeit dauert länger, begleitet Studium oder Promotionsphase, kennt persönliche Krisen und Metamorphosen.

Vielen Dank all jenen, die ich darin bis heute begleiten durfte und mit denen ich mich austauschen konnte.

Ihr seid herzlich eingeladen, die Liste zu ergänzen oder Eure Tipps im Umgang mit diesen Sorgen und Schwierigkeiten zu posten.

 

Fachkompetenzen

Absolventenstudien zu Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern (s.u.) zeigen im Schnitt recht deutlich, dass die meisten von uns nach wie vor in affine Berufe gehen, und zwar affin im Sinne einer inhaltlichen, methodischen oder/und sozialen Kontinuität des Studiums. Mit sozialer Kontinuität meine ich die Zugehörigkeit zum System Wissenschaft oder Bildungswesen etc., also z.B. Tätigkeiten im Wissenschaftsmanagement, im Stiftungswesen oder bei Wissenschaftsverlagen. Dies gilt insbesondere für die Jahre des Berufseinstiegs. Die mitunter individuellen oder gar selbst erfundenen Berufe, die hier im Blog vorgestellt wurden, sind häufig das Ergebnis einer jahrelangen Formations- und Erfahrungsphase, und auch sie weisen überwiegend die Weiterentwicklung oder Transformation von Studieninhalten oder -methoden auf. Wenn ich auf Jobmessen mit Personalern oder Arbeitgebern sprach, so interessierten sie sich weniger dafür, ob wir irgendwie nachqualifizierbare BWLer hervorbringen, als dafür, was wirklich der Kern unserer Fächer ist.

Personaler: „Geschichte studieren Sie? Aha. Das bedeutet, Sie können …?“

Student: „Allgemeinbildung.“

Das stimmt natürlich. Und ist doch eine so fatale Antwort, weil die Idee, wir seien großartige Generalisten, uns hindert, großartige Fachkräfte zu sein – zumal die meisten, mit denen ich bislang gearbeitet habe, eine hohe inhaltliche Motivation durch die Tiefen des Studiums trug. Sie streben Fachlaufbahnen an und keine klassische Führungskarriere.

Es ist auch in Hinblick auf die professionelle Identität kein befriedigendes Gefühl, die eigenen Kompetenzen nicht beschreiben zu können – zumal es zu unseren fachübergreifenden Schlüsselkompetenzen gehört, Dinge zu definieren. Fachkompetenzen grenzen berufliche Identitäten von GeisteswissenschaftlerInnen untereinander ab. Doch es ist gar nicht so leicht, zu benennen, welche fachlichen Fähigkeiten wir tatsächlich haben. Jemand, der Philosophie und Alte Geschichte studiert hat, kann tatsächlich andere Dinge tun als jemand, der Soziologie, Anglistik und Zeitgeschichte studiert hat, und es ist fahrlässig, diese beiden sehr unterschiedlichen Profile von Beginn an als „irgendwas mit Schlüsselkompetenzen“ zu verwässern. Hinzu kommen die spezifischen Lehrangebote, die Schulen und Konventionen des Studienstandorts.

Mitunter verläuft auch die Grenze zwischen Fach- und Schlüsselkompetenz nicht eindeutig. Oder sie verschiebt sich, hier am Beispiel „Lesen“: Zeitunglesen – Kulturkompetenz, wissenschaftliche Texte lesen – überfachliche Schlüsselkompetenz, Lesen von Abbreviaturen in archivalisch überliefertem Verwaltungsschriftgut – Fachkompetenz, hier von Historikern. Wir müssen im Blick behalten, auf welcher Ebene wir hier je arbeiten.

Wo erfahren Sie etwas über die Fachkompetenzen, die Sie in Ihrem Studium ausbilden können?
In den Modulhandbüchern etwa, auf den Profilseiten Ihrer Institute, in der Studienliteratur zur jeweiligen Fachmethodik. Aber auch in Stellenausschreibungen affiner Tätigkeiten. Letztlich können Sie auch mit den Perspektiven spielen: Sie können Kompetenzen aus Ihrem Studienfach heraus denken, und in den Blick nehmen, welche Anforderungen an konkrete Berufsbilder geknüpft sind. Dann wird vermutlich ein Fächer aufgehen, der aus vier Komponenten besteht:

  1. Methodenwissen (z.B. quantitative oder hermeneutische Verfahren, Interpretation, Heuristik, Methoden aus den Hilfs- und Grundwissenschaften der Fächer zum Daten- und Erkenntnisgewinn),
  2. Fachwissen (u.a. Fachsprache, Kanonwerke, Theorien und Schulen, Wissen um Hilfs- und Arbeitsmittel und fachliche Institutionen)
  3. Fachübergreifende Schlüsselkompetenzen (etwa Professionalisierung von Kulturkompetenzen wie Lesen, Schreiben, Präsentieren, Fremdsprachen, Fähigkeit zur wissenschaftlichen Arbeit, Einsatz von einschlägiger Software, Meinungsfähigkeit, Fähigkeit zum Transfer zwischen Abstraktem und Konkretem)
  4. Soft skills (Kommunikationsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Ambiguitäts- und Frustrationstoleranz etc.)

Jetzt, wo ich es schreibe und lese, ist es so selbstverständlich und banal. Aber in den Fächern haben wir vielleicht ein wenig zu sehr darauf vertraut, dass Außenstehende diese Selbstverständlichkeiten auch sehen, Studierende sie intuitiv erfassen. Die Professionalisierung und auch die PR des generalistischen Zugriffs auf die Geisteswissenschaften, die „Kompetenzorientierung“ mit „Schlüsselkompetenzorientierung“ gleichsetzten, waren in den vergangenen Jahren einfach agiler. Zeit für eine Selbstbetrachtung.

Die meisten von uns haben sich für geisteswissenschaftliche Disziplinen aus  persönlichem Interesse entschieden. Die meisten von uns sind überzeugt davon, dass wir und unsere Fächer einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Diesen Transfer von persönlichem Interesse zu gesellschaftlichem (oder betrieblichem) Beitrag sollten wir erklären können. Das Wissen um unser Können erlaubt es uns, „Kompetenz“ in Handlungen oder Produkte zu verwandeln und angemessen sichtbar zu werden.

Referenzen/Hinweise:

Vera Nünning (Hg.): Schlüsselkompetenzen: Qualifikationen für Studium und Beruf, Stuttgart 2008

Monika Bethscheider / Gabriela Höhns / Gesa Münchhausen (Hg.): Kompetenzorientierung in der beruflichen Bildung, Gütersloh 2011

Rolf Arnold: Ermöglichen: Texte zur Kompetenzreifung, Baltmannsweiler 2012

siehe auch die Veröffentlichungen von John Erpenbeck zum Thema Kompetenz

http://www.stifterverband.de/pdf/schluesselkompetenzen_und_beschaeftigungsfaehigkeit_2004.pdf

Absolventenstudien z.B:

HIS-Studie Gregor Fabian

Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs (2013): http://www.buwin.de/site/assets/files/1002/6004283_web_verlinkt.pdf

DZHW-Absolventenuntersuchung 2016:
www.dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201604.pdf

KOAB/INCHER: Vergleich der Berliner Universitäten mit dem Bundesdurchschnitt in zentralen Indikatoren der Absolventenbefragung, Kassel 2015

sowie ausgewählte Alumnibefragungen der Uni Heidelberg, Uni Paderborn, TU Dresden, RU Bochum.

Germanistik, Kunstgeschichte und irgendwas mit Mode

Ich muss gestehen, ich habe das Thema nicht ernst genommen. Hinsichtlich der Mode trage ich, nun ja, einen Kleidungsstil, den man mit etwas Wohlwollen als „zeitlos“ beschreiben kann. Mehr noch: Ich glaube, dass die Ablehnung von Mode(n) den Wissenschaftler ähnlich distinguiert wie die Unfähigkeit, ein Ikea-Regal zusammenzuschrauben. Oberflächlicher Tand!
Ha! Den Wissenschaftler! Wir sehen hier ein klassisches Beispiel für die Werteprägung einer Gruppe, in der die Geschlechtsverhältnisse sich während des Qualifikationsprozesses umkehren. In der Germanistik sind 80% der Studierenden weiblich, aber 80% der Professoren männlich. So finden wir viele Studentinnen, die sich mit Mode beschäftigen, viele Absolventinnen, die „irgendwas mit Mode“ zum Beruf haben, und auch eine Handvoll Professorinnen, die Mode zum Forschungsobjekt wählten (s.u.). Die männlich geprägte peer group mit Deutungshoheit widmet sich nur selten der Mode.
Warum ich mit den Germanistinnen einleite? Sie sind die Geisteswissenschaftlerinnen, die ich am häufigsten bei der Beschäftigung mit Mode fand. Die andere große Gruppe sind die Kunsthistorikerinnen. Und in beiden Fällen gibt es unmittelbare Bezüge zum Studium, die ich in meiner Anpassung an ein rational-männliches Bild als „Wissenschaftler“ übersah.

Die Nähe zum Theater
Das Theater braucht neben den Darstellern und Regisseurinnen auch Kostümbildnerinnen, Modisten, Gewandmeister, Maskenbildnerinnen, Schneiderinnen, Schumacher – viele klassische Handwerksberufe, die allesamt etwas mit Mode zu tun haben. Darüber hinaus jedoch setzen diese Tätigkeiten eine hohe Belesenheit voraus: Welche Hutformen gab es zu welcher Zeit, wer konnte/durfte sie tragen, wie wurden sie gefertigt, welche Materialen standen zur Verfügung und wurden wie verarbeitet? Wie wurden Kleidungsstücke bezeichnet? Eignet sich dieses Stoffmuster eher für einen Vorhang oder für ein Kleid?
Als freie Kostümbildnerin an verschiedenen Häusern ist z. B. Mareike Delaquis Porschka tätig. Sie studierte zunächst Anglistik, Germanistik und Psychologie, anschließend Kostümdesign (in Hannover). Katja Hagedorn unterrichtet im Studiengang Bühnen- und Kostümbild an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Sie studierte Komparatistik, Germanistik und Anglistik und arbeitete anschließend als Regie- und Dramaturgieassistentin. (Lassen Sie sich nicht von der website durcheinanderbringen).
Bühnen- und Kostümbild können Sie auch an der Akademie der Bildenden Künste München studieren: Link.
Einen Überblick über Studienangebote zum Kostümdesign finden Sie hier.
Ein Beitrag in der brand eins beschreibt Tätigkeit und Hintergrund von Dorothea Nicolai, Kostümdirektorin der Salzburger Festspiele in der brand eins: Link
Einen guten Überblick zum Einstieg gibt das kostenlose PDF „Berufe am Theater“.

Handwerk
Vielleicht kennen Sie den Wunsch, am Ende des Tages mal ein Ergebnis in der Hand zu halten. Ich habe zu diesem Zweck gestrickt, gehäkelt und aus Muranoglas Perlen gedreht – sehr befriedigend, und ich bin damit nicht allein. Und was ist Weben, Stricken etc. anderes als die Herstellung von Text – und umgekehrt? So finden sich unschwer Absolventinnen, die diese haptische Art, Texte anzufertigen, in ein klassisches Handwerk überführten, z. B. die Goldschmiedinnen und Germanistinnen Z. Alexiewa und Marita Pál oder Michaela Weihs, die Germanistik, Slawistik, Kunst und Kunstgeschichte studierte und nun als Schmuckdesignerin arbeitet und lehrt. Auch Susanne Detemple absolvierte ein Magisterstudium der Germanistik und Kunstgeschichte, ehe sie als Schmuckdesignerin Werkstatt und Blog Idee und Form gründete.
Und es gibt auch den umgekehrten Weg: Volker Erbes lernte zunächst sein Handwerk als Feintäschner, dann studierte er Philosophie, Psychologie, Musik und Germanistik. Er lebt als freier Schriftsteller in Frankfurt.
Erneut bieten die Studieninhalte Fachwissen hinsichtlich Formen, Ideen, Verarbeitungsweisen, Einsatzmöglichkeiten, sozialen und kulturellen Kontexten etc., aber wesentlich auch hinsichtlich der Fachsprache.

Wissenschaft
Natürlich gibt es eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Mode in ihrer Vielseitigkeit, und dies nicht nur in Germanistik und Kunstgeschichte, sondern z. B. auch in der Kunstwissenschaft, Soziologie, Medienwissenschaft oder an FH-Studiengängen rund um Design.
Gertrud Lehnert, Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Uni Potsdam, forscht u.a. zu Modegeschichte und -theorie. Rainer Wendrich unterrichtet Kunst-, Design- und Kostümgeschichte sowie Modetheorie an der Uni Augsburg und an der Bayerischen Museumsakademie. An der TU Darmstadt hat Alexandra Karentzos eine Stiftungsprofessur für Mode und Ästhetik inne (sie sucht übrigens studentische Hilfskräfte). Einen Überblick über die Verwissenschaftlichung der Mode werden Sie hier finden:

Gudrun M. König/ Gabriele Mentges/ Michael R. Müller (Hg.): Die Wissenschaften der Mode, Bielefeld 2014 (Ankündigung)

Die Autorinnen arbeiten zur Kulturanthropologie des Textilen an der TU Dortmund.
Olga Schulisch-Höhle, Professorin an der FH RheinMain für Kommunikationstheorien im Fachbereich Gestaltung arbeitete u.a. zu Kommunikation und Schönheit.
An Hochschulen oder in Museen

Journalismus
Dass „irgendwas mit Mode“ durchaus auch „irgendwas mit Medien“ einschließt, belegen unendlich viele Beispiele aus dem Modejournalismus. Sie finden eigentlich alle Varianten: Profis und Amateure, klassische Printredakteure und Blogger, Spezialisten und Allrounder. Als „Idealweg“ in den Modejournalismus gilt ein Studium gleichen Namens an der Akademie Mode und Design (Standorte in Hamburg, Düsseldorf, Berlin, München). Es ist eine Privatschule, also fallen Kosten an. Es gibt viele Bewerber und u.a. darum eine Eingangseignungsprüfung. Aber dieses Studium gilt auch als Sprungbrett zu großen Modezeitschriften.
Natürlich eignet sich auch jede andere journalistische Ausbildung; für die Mode sind allerdings – wie für jede andere Sparte auch – Fachkenntnisse gefragt. Ebenso sind Praktika, Volontariate, freie MitarbeitAusbildung, sondern auch zur Blickweitung, zum Netzwerken, zur Entwicklung von Trendgespür und persönlichem Stil. Eine sehr breite Ausbildung und einen großen Erfahrungsschatz hat z. B. der Modefotograf (und ehemaliger Germanistikstudent) Rainer Bald.
Jenseits dieses klassischen Wegs haben sich inzwischen Blogs etabliert – sowohl als Möglichkeit, Erfahrung zu sammeln, als auch als veritable Erweiterung des Printangebots. Dabei ist unerheblich, dass altehrwürdige Journalisten Modebloggerinnen eher als schreibende Affen bezeichnen würden und sie keine Pässe für die New York Fashion Week bekamen; Modeblogs sind inzwischen sehr einflussreich und einige Unternehmen unterhalten selbst eines, etwa OTTO. Die nachfolgenden Links stammen sämtlich aus einer Liste der Top-20-Modeblogs in Deutschland. Nina Böhm (Studium der Kulturwissenschaft und Journalismus) bloggt bei Fashion Insider – die Seite hat inzwischen über eine Million Aufrufe. Im Lady Blog, Schmuckladen und im Style Blog von Hallhuber sind Germanistinnen tätig. Carl Jakob Haupt ist Autor, Musiker und Modekritiker auf dandydiary- nach einem Studium der Politikwissenschaften. Auch Kathrynsky studierte Politikwissenschaften. Milena Heißerer, Mitbegründerin von amazed, ist Kunsthistorikerin. Julia Stelzner studierte Geschichte und Politik und bedient neben ihrem Blog auch große, überregionale Printmedien.

Autorschaft, Dozenten

Schon mehrfach surfte ich über das Angebot der Germanistin und Kosmetikerin Katja Sauerborn. Vielleicht meint das Schicksal/ ein Computer, ich bräuchte einen Termin bei ihr. Auf den ersten Blick sah ich keinen Zusammenhang zwischen Studium und aktueller Tätigkeit, doch im Kleingedruckten stand: Freie Autorin für Beauty- und Gesundheitsthemen.
Ähnlich rätselte ich über das Suchergebnis zu Marion Lompa (Heilpraktikerin, Naturkosmetikerin und Ayurveda Kosmetik- und Wellnesstherapeutin), die Germanistik, Semitistik und Indologie in Marburg studierte. Doch auch hier ist eine Fortführung von Studieninhalten bzw. -werkzeugen in anderem Kontext zu erkennen: Von der Indologie zum Ayurveda ist es ein Katzensprung, von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin an einer Universität zur Dozentin an einer Fachakademie nur ein Kontext- und Zielgruppenwechsel.

Nebentätigkeiten und Praktika

Dass man als Studentin mit dem Modebloggen anfangen kann, zeigt und diskutiert Katharina in einem Beitrag auf Uniglobale. Studierende modeln, um das Studium zu finanzieren (oder einfach aus Freude, oder aus Ambition): Carolin, Kandidatin bei Germany’s Next Topmodel 2013, studiert u.a. Germanistik. Und ich durfte jüngst Charlotte Schroeter kennenlernen, ebenfalls Model und Studentin der Komparatistik. Ihre andere Nebentätigkeit besteht im Verfassen historischer Romane.

Falls Sie sich für einen Nebenjob als Model interessieren: Infos der Nebenjobzentrale. Velma ist der Verband lizensierter Modelagenturen, der zu seriöser und unseriöser Vermittlung informiert. Praktikumsplätze für Modelagenten bzw. -booker finden Sie aktuell hier.

Sie merken schon, ich kann gar nicht wieder aufhören. Ich liebe solche Eisbergspitzen. Um diese aufstörende Energie abzulenken, habe ich mich mit Hochglanzmodemagazinen eingedeckt und staune nun vor mich hin. Und für meine eigene wissenschaftliche Arbeit treibt mich seit Jahren die Frage um:

Was ist eigentlich Mode?

Lektüreempfehlungen

Zeitschrift Hochparterre (Architektur und Design, sehr breit ausgelegt)

Susanne Pavlovic: Irgendwas mit Mode (eBook), Coburg 2012

Anne-Celine Jaeger: Fashion Inside: Macher – Models – Marken, Hamburg 2009

Anne-Kathrin Bieber: Die Relevanz von Weblogs im Modejournalismus. Informationsbeschaffung im Zeitalter des Web 2.0. Eine empirische Untersuchung am Beispiel der Modebranche, München 2013

[update 24.2.2014]: Jobbörse Modejobs 110