Tagung Darmstadt 9./10.2.17 – Berufsperspektiven

Die Schrader-Stiftung lädt zur Tagung „War die Zukunft früher besser? Akademische und außerakademische Berufsperspektiven in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften“ ein:

9.-10.2.2017, Schader-Stiftung, Goethestr. 2, 64285 Darmstadt.

Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung bis zum 2.2.2017 allerdings erforderlich und über diese Website möglich: www.schader-stiftung.de

Beteiligt sind die Fachgesellschaften für Erziehungswissenschaft (DGfE), Soziologie (DGS), Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), Politische Wissenschaft (DVPW) und der Historikerinnen und Historiker (VHD).

Münzkundler

In unseren Disziplinen kann es zur Distinktion zählen, sich gerade nicht für Geld zu interessieren, sich nicht damit auszukennen, es nicht wertzuschätzen. Vielleicht ist auch darum die Numismatik inzwischen ein Orchideenfach, das nur noch in Wien mehr ist als eine Sitzung im obligatorischen Proseminar Mittelalterliche Geschichte oder Propädeutik. Dass man daraus einen Job machen könnte, liegt nicht unbedingt auf der Hand, und ich muss zugeben, dass meine eigene Idee eines Numismatikers sehr vorwissenschaftlich übereinstimmte mit „Sonderling“. Doch da kam eben mein Mann und fragte, ob ich seine Sammlung von 10-Reichspfennig-Umlaufmünzen gesehen hätte, und ich änderte das Urteil rasch in: doch ganz sympathisch.

Genau darin liegt eine der wesentlichen Stärken auf dem Arbeitsmarkt. Numismatikerinnen sind hoch spezialisiert (es gibt zudem noch Spezialisierungen innerhalb der Disziplin, z. B. Fundmünzennumismatikerin oder Spezialisten für bestimmte Regionen, Zeiten, Geldmittel) und sehr selten. Sie sind keine Universalisten-Geisteswissenschaftler, die ihre Methoden auf quasi jeden beliebigen Gegenstand übertragen können. Häufig haben NumismatikerInnen ihre Qualifikationsarbeiten zu einem münzkundlichen Thema verfasst. Insbesondere diejenigen, die im universitären oder musealen Bereich arbeiten, sind oft promoviert.

Numismatiker forschen an Universitäten und Akademien, betreuen Sammlungen, begleiten oder leiten archäologische Grabungen, verfassen journalistische und Fachtexte sowie Kataloge, arbeiten als Sachverständige, z. B. für Münzhändler, IHKs oder die Numismatische Kommission der Länder der Bundesrepublik.

Sie arbeiten auch selbst als Münzhändler. Als solche führen sie neben dem eigentlichen Handel meist auch Auktionen durch und schreiben, handeln oder verlegen Bücher und Kataloge über Numismatik. Ihre Arbeit reicht teils bis ins Wealth Management hinein, wenn Fachleute Anlagestrategien für Sammler entwickeln. Meist bildet der Münzhandel nur eine Sparte, und die Unternehmen handeln auch mit Antiquitäten, Kunst oder Edelmetallen. Bekannte Münzhändler sind z. B. die Münzen & Medaillen GmbH in Weil am Rhein, die Münzhandlung Knopek in Köln, die Giessener Münzhandlung in München und Kroyer’s Münzencontor in Hamburg. Ein großer Auktionator ist die Sincona AG in Zürich.

Ursula Kampmann etwa qualifizierte sich mit einer auf Numismatik spezialisierten Schrift und arbeitete anschließend im Münzhandel sowie für zwei Berufsverbände der Münzhändler. Sie ist Herausgeberin der Fachzeitschrift MünzenRevue und verfasst neben Büchern und journalistischen Texten auch Hörspiele und Videos. Zudem kuratierte sie Ausstellungen zur Geld- und Münzgeschichte.

Eine spezialisierte Jobbörse fand ich nicht, ebenfalls keine offenen Stellen auf den Seiten der Berufsverbände oder Organisationen. Es handelt sich um einen sehr kleinen und hochspezialisierten Arbeitsmarkt – nicht nur hinsichtlich der Nachfrage, auch hinsichtlich des Angebots an spezialisierten Absolventen. Das bedeutet, dass Sie allein schon durch eine Professionalisierung im Bereich Numismatik und ein übliches Kommunikationsverhalten im Fachgebiet schnell über Nischen, offene Stellen oder auch Aufträge für selbstständiges Arbeiten informiert sein werden, also: spezialisieren und netzwerken.

Bei Münzhändlern und Auktionshäusern können Sie nach Möglichkeiten zur Hospitation, Nebenjobs oder Praktika nachfragen. Ein kurzer Weg führt vielleicht auch zur Bank Ihres Wohnorts, wo sie als Studentenjob oder Ehrenamt kleinere Münzsammlungen (mit)betreuen können.

Im Ausstellungsbereich können Sie bei den Museen und Münzkabinetten Ausschau nach Praktikumsplätzen oder anderen Einstiegsvarianten halten, etwa den berühmten Sammlungen in Berlin, Dresden, Wien (KHM und Johanneum) und München. Auch das Schloss Friedenstein in Gotha, das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster, das Rheinische Landesmuseum Trier, die Universität Bonn (Akademisches Kunstmuseum) und die Stiftung Moritzburg (Halle/Saale) pflegen Münzsammlungen. Auf orientalische Münzen ist das Kabinett in Jena spezialisiert. Zudem gibt es in Berlin das Museum der Staatlichen Münze.

Links

Numismatische Kommission der Länder in der Bundesrepublik Deutschland

Archäologie von Münze, Geld und von Wirtschaft in der Antike, Universität Frankfurt a.M.

Institut für Numismatik und Geldgeschichte, Universität Wien

Organisationen der Numismatiker:

Österreichische Numismatische Gesellschaft

Royal Numismatic Society, London

Berliner Numismatische Gesellschaft

Organisationen der Münzhändler

Verband der Deutschen Münzenhändler (VDDM)

Berufsverband des Deutschen Münzenfachhandels e.V. (BvDM)

Verband Schweizer Berufsnumismatiker (VSBN)

Organisationen der Sammler:

Deutsche Numismatische Gesellschaft (mit Links zu weiteren Vereinen)

 Foren und Information

www.numismatikforum.de

Virtual Library Geschichte der LMU München, Stand 2009

Literatur

Studienliteratur

Howgego, Christopher: Geld in der antiken Welt: Was Münzen über Geschichte verraten, Darmstadt 2000

North, Michael: Das Geld und seine Geschichte: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 1994

Brandt, Ahasver von: Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, mit Literaturnachträgen von Franz Fuchs, Stuttgart 182012

Klüßendorf, Niklot: Numismatik und Geldgeschichte: Basiswissen für Mittelalter und Neuzeit, Peine 2015

Braun, Christina von: Der Preis des Geldes. Eine Kulturgeschichte, Berlin 2012

Jobsuche im Internet

Studium (fast) geschafft, nun soll ein Anstellungsverhältnis her! Die Bewerbungstrainings, die die Uni anbot, haben Sie durchlaufen, Ihre Unterlagen zusammengestellt und korrigiert, Bewerbungsfotos nach der neuesten Mode für reichlich Geld schießen lassen, vielleicht mal gegoogelt, was ein Assessment Center ist, für den Fall der Fälle. Aber wie Sie passende Stellen finden, ist Ihnen vielleicht ein Rätsel. Ich jedenfalls habe nach Studienabschluss vor 12 Jahren in FAZ und ZEIT geschaut und gedacht: „Ich schaue in 12 Jahren nochmal, wenn ich über Promotion, Auslandserfahrung, Weiterqualifikation und Berufserfahrung verfügen werde.“

Auch heute sind FAZ und ZEIT nur bedingt geeignet, wenn Sie einen Job als Absolvent suchen; Doktorandenstellen und -stipendien sind dort ausgeschrieben, manchmal auch Volontariate, etwa im eigenen Haus. Das erste Suchkriterium sollte also nach der Art der Beschäftigung fragen, und die ist für Absolventen eben häufig eine Art Initiationszeit unter dem Namen Volontariat, Referendariat oder Trainee. Nur in wenigen Fällen und dann meist mit relativ geringer Bezahlung finden Sie Ausschreibungen für „richtige“ Arbeitsstellen für Absolventen unserer Disziplinen. Sehr schematisch dargestellt führen zwei Wege zu diesen Einstiegsjobs: der über Jobbörsen bzw. Ausschreibungen und der über Netzwerke und Beziehungen. Im Folgenden geht es um eine Auswertung der allgemeinen Jobbörsen; zum zweiten Weg komme ich im nächsten Blogbeitrag.

Ich habe mir das Vergnügen gegönnt, durch einige recht bekannte online-Jobbörsen zu surfen und nach Stellen für „Germanist“, „Historiker“ und „Philosoph“ zu suchen, in der naiven Assoziation, wenn Sie suchen, wissen Sie vielleicht nicht genau, wie Ihr Job heißen könnte. Schnell sah ich ein, dass dieses zweite, ausbildungs- und tätigkeitsorientierte Suchkriterium nur bedingt sinnvoll ist. Es gab kaum Treffer, und die wenigsten davon waren passend. Nach Ergebniszahl erfolgreicher war die Suche nach „Deutsch“, „Geschichte“ und „Philosophie“, aber vermutlich können Sie sich denken, was geschah? Die Maschinen nutzten Volltextsuche, und unter den Treffern waren „Deutschkenntnisse vorausgesetzt“, „Geschichte unseres Unternehmens“ und „unsere Produktphilosophie“.  Am besten gefiltert war das Suchergebnis der www.jobboerse.arbeitsagentur.de : 12 von 12 Treffern für Historiker, 24 von 24 Treffern für Germanisten waren passend, von studentischen Nebenjobs über Stipendien, wissenschaftliche Mitarbeiter und Sachbearbeiter bis hin zu Leitungspositionen. Auch das Suchergebnis für „Kultur“ war gut, umfassend und in den Stellen und Anforderungen sehr heterogen. Lediglich die Philosophen gingen leer aus. Die meisten Ausschreibungen gab es für den öffentlichen Dienst, und es gab keine „unerwarteten“ Stellen; alles im bekannten sozialen Rahmen von Bildung, Kultur, Medien, Verwaltung und in der Regel in kulturellen Ballungsräumen bzw. an Universitätsstandorten.
Enttäuschend hingegen fand ich das Suchergebnis von www.academics.de : 0 Treffer für „Historikerinnen“, 115 für „Geschichte“ (btw: Eine Suchmaschine, die sich auf Akademiker spezialisiert, sollte bei der Frage nach Historikern Hits für Geschichte anzeigen, zumal wenn Historiker gesucht werden). In diesen 115 kamen allerdings nur 12 Stellen tatsächlich für Historiker infrage, zusätzlich 19 Stipendien, Preise und wissenschaftliche Projekte mit teils interdisziplinärer Ausrichtung und 11 Praktika bzw. Volontariate. Bei sechs Stellen stand nicht die Disziplin, sondern eine besondere Fähigkeit im Vordergrund, z. B. Erfahrung im Einsatz von quantitativen Methoden – Wirtschafts- und Sozialhistorikerinnen werden dies vorweisen können, die Mehrheit jedoch nicht. Fünf Ausschreibungen waren sehr spezifisch, so dass hier womöglich ein Topf seinen Deckel findet, etwa ein Numismatiker. 58 Ausschreibungen richteten sich an Absolventen anderer Fächer: Anglisten, Medienwissenschaftlerinnen, Politologen.
Fazit: Die Anzahl der Treffer mit grundsätzlich der gesuchten Stoßrichtung war höher als in allen anderen Portalen, doch die Sortierarbeit nahm viel Zeit in Anspruch.

Bei www.monster.de fanden sich auch Ausschreibungen für Tätigkeiten, die einen größeren Abstand zur Akademie aufweisen. Für „Germanist“ erhielt ich 15 Treffer, darunter „technischer Redakteur“, „Texter“, Übersetzer Deutsch-Französisch,
Lektor, Referent Media Relations/ PR, Werber, Assistenz des Hochschulrektors, Archivar (explizit gesucht „Historiker, Archivar oder Germanist“) und einen Werkstudenten als Firmenjournalist. „Historiker“ wurden über 80 Mal gesucht, und für das „technische Lektorat/ technische Redaktion“ häufiger als Germanisten. Allerdings verflachte meine Freude gleich wieder, als in 50% dieser Ausschreibungen stand, dass eine Weiterbildung in diesem Bereich Voraussetzung sei. Recht viele Ausschreibungen gab es auch für die Bereiche „Dokumentation“ und „Lektorat“, und auch hier zeigt sich die Falle der hinterlegten Keywords: Für fast alle ausgeschriebenen Stellen wurde ein Studium in einem branchenspezifischen Fach – Pharmazie, Maschinenbau, Flugzeugtechnik… – vorausgesetzt.
Fazit: Lohnt sich, um über den öffentlichen Dienst und Kultursektor hinauszuschauen und Begriffe für Tätigkeiten in der Freien Wirtschaft zu sammeln.

Die übrigen Jobbörsen waren schnell ausgewertet. Bei experteer muss man sich registrieren. Jobscout24 und absolventa sind in den Treffern noch unspezifischer als die oben ausführlich geschilderten, wobei absolventa nur wenige Treffer bot. Auch jobware, eine Börse für Fach- und Führungskräfte, ist auf unsere Disziplinen nicht gut eingestellt. Für „Philosoph“ gab es 13 Treffer, davon nicht einen für Philosophen. Bei www.stepstone.de hingegen suchte ich nach Berufseinstieg/Trainee-Angeboten, was ein gutes, wenn auch geringes Ergebnis brachte, von dem erneut ca. 50% auszuschließen waren, weil für die Traineeprogramme schließlich doch BWLer (gegen die käme man vermutlich mit Individualität und Branchenkenntnis noch an ;-)) oder Ingenieure gesucht waren. Frauenspezifische Jobbörsen, denen ich mit Sympathie zugetan war, wie www.mutterschafft.de oder www.fjobs.de (den Titel finde ich irritierend), brachten gar keine Ergebnisse.

Wenn Sie also noch nicht wissen, wie Ihr Job genau heißt, kann ein Surfen durch die Jobbörsen Ihnen einen Überblick verschaffen, wie Personaldienstleister unsere Disziplinen kategorisieren – und vor allem, wie wenig sie und die ausschreibenden Unternehmen über uns wissen. Sie werden insbesondere bei den großen Anbietern Dubletten finden, also die gleiche Ausschreibung an mehreren Orten. Der Vorteil bei diesen offenen Ausschreibungen ist jedoch vermutlich, dass es sich um „echte“ Angebote handelt, also wirklich ein Mitarbeiter gesucht wird und nicht nur pro forma eine Ausschreibung abgegeben wird, obwohl der Wunschkandidat das Büro schon bezogen hat. Außerdem können Sie hier auch Stellen finden, die zu Ihrem Studium passen, aber nicht zur üblichen Nomenklatur der „einschlägigen Berufe“ zählen, die wir Dozenten vielleicht für Sie vorsehen. Die Jobbörsen helfen Ihnen, den Blick etwas abseits der üblichen Beschäftigungskontexte im öffentlichen Kultur- und Bildungssektor schweifen zu lassen.
Kurz erwähnt sei noch, dass ich stets deutschlandweit gesucht habe – wenn die Zahlen Sie ermutigen, Sie aber eigentlich gar nicht wegwollen aus z. B. Osnabrück, muss ich Sie enttäuschen: kein Treffer im Umfeld, außer vielleicht eine Direktorenstelle in Vreden.

Eine spezifische Suche, etwa über Fachportale, kann Ihnen weiterhelfen, wenn Sie schon eine ungefähre Richtung für Ihre Suche haben, z. B.

Liste mit fachspezifischen Stellenbörsen der FU Berlin

Jobbörse Museumsbund
Stellenangebote im öffentlichen Dienst
Stellenangebote in der Geschichtswissenschaft auf hsozkult
Stellenbörsen für Archiv und Bibliothek
mediajobs
Jobs im ÖR-Rundfunk
Jobs für Marketing, Werbung und Medien
Jobbörse des Börsenvereins für den deutschen Buchhandel (auch Verlagswesen)
Jobbörse für Journalisten auf newsroom.de
Jobbörse für Redakteure und Journalisten (Schwerpunkt Print)
Nachhaltige Jobs (auch NGOs)
NGO-Jobs in Österreich und in der Schweiz
Grüne Jobs
Jobs in Politik und Kommunikation / Public Affairs

Bundeswehr

Ich gebe Ihnen einen Gesprächseinstieg auf einer Jobmesse wieder, den ich nicht empfehle, falls Sie Karriereambitionen hegen:

Brotgelehrte: Oh, Bundeswehr. Na, Ihre Plakate hängen ja auch im Arbeitsamt. Aber als attraktiven Arbeitgeber habe ich Sie nie wahrgenommen, eher als Notlösung für Gestrandete. Warum sollte jemand wie ich mich bei Ihnen bewerben?
Offizier (fragen Sie mich nicht, was für einer, jedenfalls lief er rot an): Warum sollte die Bundeswehr denn bitte kein attraktiver Arbeitgeber sein? Wo finden Sie so vielseitige Tätigkeiten, Aufstiegschancen und Sozialleistungen?
Brotgelehrte: Finde ich denn auch welche, die zu mir passen?
Offizier: Das ist völlig gleichgültig. Bei uns durchlaufen alle den Grunddienst, und dann kann man sich individuell weiterentwickeln.

Als mein Mann dies hörte, empfahl er mir, denselben Einstieg mal beim Auswärtigen Amt zu versuchen. Konstatieren wir also den Zusammenprall zweier Kulturen, die sich gegenseitig unmöglich finden. Ich hätte es darauf beruhen lassen können, wenn nicht drei lose Informationen in mir waberten:
1. An den Universitäten der Bundeswehr in München und Hamburg gibt es doch geisteswissenschaftliche Angebote. Warum? Kann man Historikerin oder Soziologe bei der Bundeswehr werden?
2. Ich habe in anderen Zusammenhängen außerordentlich höfliche, kluge und kommunikationsfähige Mitarbeiter (auch zivile) der BW kennengelernt. Offenbar muss man sich nicht erst im Grunddienst zurechtschleifen lassen.
3. Die Bundeswehr unterhält Museen und Forschungseinrichtungen. Die benötigen Personal. Das Militärhistorische Museum Dresden bietet z. B. Praktika. Da siegt meine brotgelehrte Selbstverpflichtung, Sie zu informieren, über emotionale Vorbehalte.

Kann die Bundeswehr also Geisteswissenschaftlern eine Perspektive bieten?

Die HSU in Hamburg hat einen eigenen Studiengang Geschichte; in München ist Geschichte Teil des Studiums der „Staats- und Sozialwissenschaften„. Das Studium kombiniert Geschichte mit Politikwissenschaften, Ethik, Jura, Soziologie und VWL. Eine Schwerpunktsetzung erfolgt in den Abschlussarbeiten. Dort studieren Offiziere, die sich für zwölf Jahre verpflichtet haben. Die Absolventen werden u.a. zur Fortbildung anderer Soldaten eingesetzt, im Bereich PR/Öffentlichkeitsarbeit, im Personalbereich und für Hintergrundrecherchen. Auf der Infoseite zum Studiengang heißt es:
„Einerseits soll es Offizieren und Offizieranwärtern Kernkompetenzen für ihren häufig auch international geprägten Berufsalltag mit seinen interkulturellen Herausforderungen vermitteln. Entsprechende Fähigkeiten und Fertigkeiten sind heute nicht nur bei Auslandseinsätzen gefordert, sondern berühren angesichts der zunehmenden sicherheitspolitischen Zusammenarbeit und Vernetzung in Europa und darüber hinaus letztlich den beruflichen Alltag fast eines jeden Offiziers. Andererseits soll das Studium aber durch seinen betont interdisziplinären Ansatz, die dadurch vermittelte Methodenvielfalt sowie seinen Praxisbezug einen optimalen Berufseinstieg außerhalb der Bundeswehr ermöglichen.“

Jenseits der Laufbahn als Soldat bzw. Offizier gibt es auch zivile Tätigkeiten innerhalb der Bundeswehr. Letztere sind eher rar gesät; die Universitäten halten kaum Stellen bereit. Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam beschäftigt Historikerinnen, SoziologInnen und Dozenten – derzeit sind jedoch keine Ausschreibungen zu finden. Überhaupt habe ich nicht herausfinden können, wie der zivile Dienst sich rekrutiert; vermutlich über Ausschreibungen, so, wie der öffentliche Dienst insgesamt.

Tatsächlich unterhält die Bundeswehr in ihrem zivilen Bereich einen „sprach- und kulturwissenschaftlichen Dienst“, der sich bei näherem Hinschauen überwiegend als Übersetzungseinheit herausstellt und für die Sprachlehre zuständig ist. Es gibt darüber hinaus den „höheren Dienst sonstiger Fachrichtungen“, worunter explizit Historiker, Pädagogen und Politikwissenschaftler geführt werden. Die Bundeswehr unterhält neben Museen auch Bibliotheken und Archive – ebenfalls klassische Tätigkeitsfelder, die – wie in anderer öffentlicher Trägerschaft auch – die entsprechenden Ausbildungen zum Bibliothekar oder zur Archivarin (in den verschiedenen Dienstgraden) erwarten.

Und dann gibt es natürlich affine Einrichtungen, die sich mit Militär oder Militärgeschichte befassen, jedoch nicht Teil der Bundeswehr sind, wie das Wehrgeschichtliche Museum Rastatt, das Museum Stammheim – für weitere können Sie diese Wikipedialiste aufrufen.

Hier geht’s zur Beschreibung der Studiengänge Geschichte, Politikwissenschaft u.a. (BA, MA) an der HSU Hamburg: PDF

Broschüre: Bundesministerium der Verteidigung, Abteilung Personal-, Sozial- und Zentralangelegenheiten (Hg.): Attraktive zivile Karrieren in der Bundeswehrverwaltung. Laufbahnen der sonstigen Fachrichtungen, PDF

Rogg, Matthias: Kompass Militärgeschichte. Ein historischer Überblick für Einsteiger, Freiburg u.a. 2013

Ich danke Dr. Anke Fischer-Kattner, Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität der Bundeswehr München, für den kollegialen Austausch.

Geisteswissenschaftler in den Massenmedien

In den vergangenen Tagen durchstöberte ich meine Lieblingsmedien und dachte: Sooo unterrepräsentiert sind Geisteswissenschaftler gar nicht.

Allen voran leuchtet in unterschiedlichen Medien natürlich derzeit der Freiburger Historiker Josef Foschepoth. Er gab jüngst der Süddeutschen Zeitung ein Interview zu den historischen Hintergründen der NSA-Überwachung und erläuterte, warum Snowden besser kein Asyl in Deutschland suchen sollte – weil nämlich ein Passus im Zusatzabkommen zum NATO-Truppenstatut von 1963 die Pflicht zur engsten Zusammenarbeit hinsichtlich der „Nachrichten“ definiere und eine geheime Vereinbarung von 1955  den alliierten Mächten den Eingriff in das System der Strafverfolgung erlaube. Sein Buch

Überwachtes Deutschland. Post- und Telefonüberwachung in der alten Bundesrepublik, Göttingen 2013

wurde im Juni zum „Buch des Monats“ der Blätter für deutsche und internationale Politik gewählt. Er unterhält ein Blog, wurde in den einschlägigen Fachportalen besprochen (HSozKult und Archiv für Sozialgeschichte) ebenso wie in  überregionalen Zeitungen mit Feuilleton (taz und FAZ). Er trat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf und gab zeitgeschichte-online.de ein Interview.

Bedeutet dies, dass nur Geisteswissenschaftlerinnen, die etwas zu tagespolitischen Debatten beizutragen haben, sichtbar werden, zumal in Medien, die ohnehin aus unserer eigenen peer group stammen bzw. für sie gemacht sind?

Durchaus nicht. Letzte Woche begegnete mir in der ZEIT-Beilage chrismon der Ägyptologe Jan Assmann, vielen von Ihnen vermutlich bekannt als Autor von „Das kulturelle Gedächtnis“, im Gespräch mit Friederike von Kirchbach: Macht Religion aggressiv? Und bei meiner Feierabendlektüre der Mindstyle-Zeitschrift happinez (jaja, eine Geisteswissenschaftlerin muss ihr Inneres pflegen) erfreute ich mich an einem Artikel über die Arbeit zu den Weisheitsbüchern des Daoismus der Sinologin und freien Autorin Martina Darga.

Eine gewissen Unzufriedenheit blieb, da immer noch das Gefühl bestand, mich nicht über den bequemen sozialen Rahmen hinausbewegt zu haben, oder, anders: Dass ich in diesen Medien Kolleginnen und Kollegen treffen würde, war aufgrund der sozialen und inhaltlichen Nähe zwischen Produzenten und Rezipienten nicht verwunderlich. Doch trifft man GeisteswissenschaftlerInnen auch in den populäreren Formen, die eine breite Schicht ansprechen, und wenn ja: Wie werden sie dort inszeniert?

Ich fragte eine Achtzehnjährige, welches mediale Angebot sie häufig nutzt: „taff“ auf Pro7. Ich fand weder Historiker noch Philosophinnen und auch keine Germanisten. Aber ich wurde auf die Sendung Galileo vom 13.11.2012 verlinkt: „Liebe im Mittelalter“ anlässlich der Verfilmung des historischen Romans „Die Wanderhure“. Von Historikern ist wiederholt die Rede, da jene nämlich etwas rausgefunden haben, das ganz anders ist, als man so dachte (ich habe vergessen, was es war; aus den Bildern zu schließen irgendwas mit Sex). Dies war ihnen auch dank Archiven möglich (man sieht eine graue Gestalt, die am Rad der Kompaktusanlage dreht, vielleicht im Stadtarchiv Augsburg). In der zweiten Hälfte des Beitrags bekommen „die Historiker“ Namen und Gesicht, nämlich das von Ellen Widder aus Tübingen, die lebhaft und anschaulich Fragen des Ehelebens und der Scheidung erläutert.

Dann nahm ich mir die TOP-100 der Magazine und Zeitschriften vor; auf Platz 1 mit über 13 Millionen Exemplaren steht das Mitgliedermagazin „motorwelt“ des ADAC. Es fanden sich zwar keine namentlich genannten Geisteswissenschaftler, aber Bezüge zu unserer Arbeit, und zwar vornehmlich im Bereich Tourismus/Stadt-, Land-, Regionalführer. Die Brigitte, ein Frauenmagazin, porträtiert immer wieder Geisteswissenschaftlerinnen in verschiedenen Rubriken wie Monika Flacke, Sammlungsleiterin am Deutschen Historischen Museum Berlin, anlässlich einer Ausstellung, Fred Vargas (Schriftstellerin, Historikerin und Archäologin), Caren Miosga („Tagesthemen“, Historikerin und Slawistin), Catherine Drew Gilpin Faust (Historikerin, Präsidentin der Harvard University), Rita Bake (Historikerin in Hamburg), Kathrin Pöge-Alder (Germanistin und Märchenforscherin) oder Marion Schmid (Autorin, Studium der Religionswissenschaften, Philosophie und Germanistik). Auffällig ist allerdings, dass in der „jungen“ Brigitte (BYM) kein einziger Treffer zu finden ist. Offenbar braucht es ein „reiferes“ Publikum für unsere Zunft. In der SuperIllu wird die Kunsthistorikerin Nike Bätzner, Burg Giebichenstein Kunsthochschule, zitiert, Anne Drescher, Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern, vorgestellt und auch die Protestwelle gegen die Sprachregelung „Herr Professorin“ an der Universität Leipzig sowie die Ankündigung, die Protestschreiben von Germanisten auswerten zu lassen erwähnt. Den vielen Treffern zu „Historiker“ (400+) und „Germanist“ (100+) bei der NEON bin ich nicht im Detail nachgegangen; es war allerhand dabei, von Voltaire-Zitaten über Erlebnisberichte aus dem Studium, Sprachkritik und die Frage, ob Filme Geschichte vermitteln können. Lediglich für Philosophen lautete die Trefferzahl 0. [update 24.8.2013] Den fand ich allerdings in der Zeitschrift yoga aktuell No 80, S. 66ff: Hier wird Philosoph und Theologe Dr. Christoph Quarch (Website) mit seinen Reflexionen zur Erotik des Betens vorgestellt. Zur Verbindung von Geisteswissenschaften und Yoga empfehle ich Ihnen die Lektüre meines Blogeintrags vom 24.1.2013, Heilpraktikerin und Yogi.

Die Zeitschrift, die direkt auf die Top 10 von ADAC und TV-Zeitschriften folgt und noch vor dem SPIEGEL steht, ist übrigens die Landlust auf Platz 11. Ich mache mir seit mehr als zwei Jahren die Mühe, dieses Magazin ausführlich zu studieren, um nämlich der Verwendung und Konnotation des Wortes „historisch“ auf die Spur zu kommen. Die Landlust hat eine ernorme Affinität zu „Historischem“, etwa zu Gemüsesorten und Tierarten, Cafés, Tonfliesen, Handwerk, Kupferdrucken, Trachten; auch verstorbene, gleichgesetzt mit „historischen“ Menschen werden porträtiert.  Lebende Historiker, Germanistinnen, Philosophen und andere Kulturwissenschaftler sind allerdings nicht präsent, es geht eher um Altes, Traditionelles, mit Geschichte(n) Versehenes, in dem noch oder wieder oder anderes Leben steckt.

Und das ist doch sehr interessant: Unsere Gegenstände sind präsent, unsere Fachvertreter befinden sich jedoch im Hintergrund, sind graue Gestalten, die Räder drehen oder etwas herausfinden, wie Geheimdienstler. Wichtig ist erstens der Unterhaltungswert – über den Kölner Historiker und Bibliothekar Erwin In Het Panhuis etwa berichtete der „Jugendsender“ Einslive; er hatte eine Studie zum Umgang mit Homosexualität bei den „Simpsons“ angefertigt. Link Zweitens ist der Aktualitätsbezug wichtig, wie es bei Josef Foschepoth derzeit sichtbar ist (merken und anwenden für die nächste Hausarbeitseinleitung). Drittens, und das ist für die Akademie eher abzuspalten, verkauft sich eine Stimmung, die mit den Schlagworten „historisch“ oder „kulturell“ verknüpft und erzeugt wird: entschleunigt, achtsam, wertvoll, skurril, von erkennbarer, aber doch durch die Zeit und das soziale Milieu verfremdeter Ästhetik, unterhaltsam in dieser Fremdheit.

Es ist merkwürdig, dass der hohe Konsum von geisteswissenschaftlichen Inhalten medial nicht mit den Protagonisten verknüpft wird. Der einzige Popstar ist Guido Knopp, was der Zunft freilich auch nicht wirklich gefällt. Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist, erklärt dies mit der Schwäche der Konkurrenz: „Was dieser Mann an Aufmerksamkeit erzielt hat, das schaffen wir alle nicht. Und warum? Weil die meisten Historiker Schlaftabletten schreiben.“ (Referenz)

Falls Sie nun noch nicht eingeschlafen sind, wäre eine Schlussfolgerung, Energie in die eigene Schreibfähigkeit zu strecken: schwungvoll, stilsicher, vielleicht manchmal unerwartet, eventuell sogar mit Humor, sicher mit mehr Esprit, in unterschiedlichen Textgattungen, für verschiedene Zielgruppen schreiben üben. Die Kinderunis oder Kindernachrichten sind ein Hinweis auf das Aufbrechen des klassischen akademischen Publikums, natürlich in einem geschützten Raum, der zwar wichtig ist, den man aber auch nicht unbedingt ernst nehmen zu müssen glaubt. Eine Öffnung für populäre Medienformate, überhaupt für Medien, die nicht im bildungsbürgerlichen Raum, seinem modus operandi und seinen Erzählstrategien verharren, täten uns allen gut und ließen unser Denken ab und zu den Kanal wechseln. Brotgelehrtenprävention.

Der nfh ist wieder online

Tobias Berg hat den nfh einer Anpassung an das Leistungsschutzrecht für Presseverleger unterzogen und ist nach 58 Tagen Pause nun wieder online. Vielen Dank!

Und falls Sie mit dem Kürzel nichts anzufangen wissen: Der nfh ist ein online-Nachrichtendienst für HistorikerInnen, betrieben von Tobias Berg, der ehrenamtlich die täglichen Pressemeldungen nach Meldungen mit historischem und geschichtswissenschaftlichem Bezug durchkämmt und uns als Presseschau zur Verfügung stellt. http://www.nfhdata.de/

Der Nachrichtendienst für Historiker

[update, 11.3.2013] ist aufgrund des Leistungsschutzrechtes für Presseverleger eingestellt. Tobias Berg hält auf der facebook-Seite alle Interessierten über die weitere Entwicklung auf dem Laufenden.

Der NFH war eine von Hand erstellte (!) online-Presseschau, die Tobias Berg mühevoll und seit 1995 (!) pflegt. Sie fanden dort Kompilationen zum Historikertag, mit Rezension, mit Audio und Video und lernten folglich viel über Crossmedialität. Immer noch lesen können Sie die Seite über den NFH, auf der Berg seinen Werdegang, seine Motivation und die Einbindung des Dienstes in Alltagspragmatik schildert.

Nachrichtendienst für Historiker